Tag 5: Das Paradies als Parzelle und das adlige Ende eines gefühlvollen Tages

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Unterwegs im Valdeorras erhalten wir eine Lektion über die Leidenschaft für Wein

Jeden Morgen, an dem wir nur in den Himmel schauen, um das Wetter einzuschätzen, denken wir an die Winzer, die wir besucht haben. Ihr banger Blick nach oben sowie in den Wetterbericht wird sich auch heute nicht entspannend. Zwar droht kein Regen mehr, doch das Wetter ist wechselhaft und mitunter zu kühl und zu windstill, um das Abtrocknen in den Weinbergen zu beschleunigen.

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Heute sagen wir Villafranca del Bierzo und dem dortigen Parador „Adios“, verabschieden wir uns aus dieser wunderbaren, so gastfreundlichen Region und wenden uns noch einmal dem Valdeorras zu. Erneut führt der Weg durch den Tunnel, der die Grenze zwischen den Anbaugebieten unterirdisch durchstößt und tatsächlich begrüßt uns das „Tal des Goldes“ mit mehr Sonne und höheren Temperaturen. Sommerlich beschwingt nähern wir uns so der Kleinstadt A Rúa, wo wir mit Rafael Palacios in seiner Bodega verabredet sind. Rafael kommt aus einer regelrechten Weinbau-Dynastie, die ihre Wurzeln im Rioja hat. Doch der Name hat zu Recht seinen Klang in der Weinwelt. Mit Rafael Palacios begegnet uns nämlich einer jener Weinmacher, die nur an die besonderen Weine von außerordentlich hoher Qualität denken können – Mittelmaß gibt es nicht!

Gefiederte Diebe im Weinberg 

Das wird uns auch deutlich, als wir mit Rafael eine ausgedehnte Tour über die weit verstreuten Weingärten rund um O Bolo machen (siehe Fotogalerie). Auf der Fahrt durch die den Augen und der Seele schmeichelnde Landschaft erklärt er uns, dass es im Valdeorras eigentlich nur zwei Jahreszeiten gebe: einen mediterranen Sommer mit heißen Tagen und kühlen Nächten, gut für den Wein, und den Rest des Jahres werde man mit dem klassischen galicischen Wetter bedient – was nicht unbedingt wie eine Liebeserklärung klingt. Eine ebensolche macht Rafael jedoch seinen Weingärten. Für jeden hat er eine nahezu zärtliche Umschreibung der Besonderheiten: das Alter der Reben, die mineralischen Böden, dieser Quarz, der Sand, die reizvolle Ausrichtung, der besondere, die Reben bewachende Wind, der hier entlang streicht, der Fluss, die Höhenlage …. Wir reden über 24 Hektar eigener Grund, weitere 8 Hektar, welche die Bodega gepachtet hat sowie den üblichen Zukauf von ausgesuchten Weinbauern, die ganzjährig „beraten“ werden – doch Rafael hat alles genau im Blick. Und wir reden über insgesamt rund 280.000 Flaschen im Jahr.

Es ist eine Trip durch die Mikrolagen des Valdeorras, den Rafael mit uns unternimmt. Doch dabei spüren wir auch mit welcher Konsequenz die Bodega um die besten Trauben ringt. So wendet er einen Trick an, den er sich von deutschen Winzern abgeschaut hat. Um in einer Lage die Erosion des Bodens zu verhindern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Feuchtigkeit nicht so schnell dem Boden entweicht, hat er Heu ausgelegt. Die „kompostierende“, untere Schicht arbeitet als natürlicher Dünger. „Demnächst legen wir wieder etwas neues Heu nach“, meint Rafael nach einem fachmännischen Buddeln mit der Hand. Aber er greift auch in die technische Trickkiste, wenn es hilft. So hat er in ausgewählten Weingärten Lautsprecher installiert, die schrill und laut den Ruf von Greifvögeln sowie die Sterbenslaute kleinerer Vögel ausstoßen, um gefiederte Traubenräuber abzuhalten. Wenn man nichts unternähme, so Rafael, würden in diesem besonders feinen Weingarten bis zu 300 Kilo verschwinden.

Dann ist es wieder Tradition, auf die Rafael setzt, wenn er beispielsweise im Winter, alte Trockenmauern ausbessert und neue setzt, damit das angestammte Landschaftsbild bestehen bleibt und die Weingärten jenen Schutz bekommen, den sie schon immer verdient haben. Letztlich, so erklärt uns Rafael, setze er immer dann auf Technik, wenn sie ihm dabei helfe, den Wein möglichst rein zu vinifizieren. Ein Apologet der Technik sei er deshalb noch lange nicht und ein Fan des des „vin naturell“ noch weniger. Wir könnten über diesen halben Tag, den wir mit Rafael verbringen, noch mehr Interessantes berichten, könnten gar noch ein ambitioniertes Projekt rund um die Palomino-Trauben ausplaudern, allein, es wird Zeit für das Verkosten. Schließlich muss sich jede Philosophie im Glas beweisen.

Die Weine

Rafael Palacios macht insgesamt vier Godellos, die, wie so oft, auch vier Qualitätsstufen repräsentieren. Angefangen bei dem einfachen „O Bolo“ über den „Louro“, der Wein den Rafael für das beste Weinschnäppchen Spaniens hält, bis hin zu seinem „As Sortes“ und letztlich dem Spitzenwein „O Soro“, der seinen Liebhabern mehr als 100 Euro abverlangt. Und unsere Verkostung beweist, dass Rafa bzw. seine Weine nicht ohne Grund einen exzellenten Ruf haben. Dabei sind es nicht die Kraft oder extreme Fruchtexpressivität, die uns beeindrucken, vielmehr faszinieren die Weine durch ihre Feinheit, Eleganz und wunderbare Frische. Diese Charakteristika steigern sich mit den einzelnen Weinen konsequent nach oben. So dass der O Soro sicher einer der besten Weißweine ist, die ich je getrunken habe. An der Nase noch extrem zurückhaltend verbindet sich seine ultrareine Eleganz mit einer majestätischen Kraft. So hat man es hier, stilistisch betrachtet, mit dem Klon eines großen Weißwein aus dem Brugund zu tun. Mitnehmen wollte ich diesen Wein aber dann doch nicht. Insbesondere da die Weine von Rafael Palacios zwar von Preisstufe zu Preisstufe besser werden, doch fordert der Qualitätszugewinn aus meiner Sicht einen zu hohen Gegenwert. Mit anderen Worten: Der „Louro“ ist bereits so gut, dass sich die Aufschläge für die nächst besseren Weine kaum lohnen. So nehmen wir auch genau diesen Wein für unsere Vorauswahl mit.

Mitgenommen von Rafael Palacios: 2014 „Louro“ Godello

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Seele und Tradition: Eine Begegnung mit Papa Godello

Als Rafael Palacios über seine Weingärten und Weine mit solcher Hingabe sprach, dachten wir, dass keine emotionalere Bindung an den Boden und die Rebstöcke möglich sei. Doch der Besuch der „Bodega Ladera Sagrada“ belehrt uns eines besseren. Da wir den Weg zur Bodega von Luís Sharon nicht sofort finden und uns erst von einem älteren Herren, der sich zu uns ins Auto setzt, lotsen lassen müssen, erreichen wir die Bodega mit einer Viertelstunde Verspätung. Kein guter Einstieg und so dauert es ein wenig, bis wir das Eis gebrochen haben.

Rund 25 Hektar bewirtschaftet die Bodega, 17 davon sind Grundbesitz der Familie, der Rest ist gepachtet. Und ganz selbstverständlich kauft auch diese Bodega von Weinbauern hinzu. Gerne – und da steht Luís Sharon nicht allein im Valdeorras – kaufte er weitere Weingärten hinzu. Doch zumeist wollen die Besitzer gar nicht verkaufen oder verlangen Summen die den Vergleich mit Immobilienpreisen in Madrid nicht zu scheuen brauchen. Voller Stolz zeigt uns Luís, wie wir ihn schließlich doch vertraulich ansprechen dürfen, die über 100 Jahre alten Reben seiner Lieblingslage. Noch rund 200 Jahre kann man drauf legen, wenn man an den Anfang seiner Familie in dieser zurückkehrt.

Vielleicht erklärt sich so die Bodenständigkeit, die Luís als vordergründigen Wesenszug zeigt. Seine Philosophie klingt simpel, „alma y tradición“ heißen seine beiden Fixsterne. Seele und Tradition. Er wolle in erster Linie einen „vino honesto“ machen, ein ehrlichen, geradezu aufrichtigen Wein. Und dazu bedarf es einer gesunden Traube, dem rechten Augenmaß im Weinberg und im Keller, dann sei man schon auf dem rechten Weg. Unser rechter Weg führt erneut über abgelegene Weingärten, die eine paradiesische Stimmung vermitteln, gerade weil neben ihnen jene Rebstöcke stehen, die man mutwillig verwildern lässt. „Eine Schande“, wie Luís findet.

Noch bevor wir zur Verkostung kommen, lädt er uns zu seinen Schwiegereltern ein. Über holprige Feldwege kämpfen wir uns zurück auf die Landstraße, die uns in ein Dorf, weit oben auf dem Berg führt. Die älteren Herrschaften bitten uns in einen umgebauten Stall, dessen Schatten uns wohltuend aufnimmt, wo wir am rustikalen Holztisch Platz nehmen. Und dann kommt der unerwartete Moment in unserer kulinarischen Laufbahn, in dem wir Chorizo und Schinken aus eigener Schlachtung zu selbst gebackenen Brot und den Tomaten aus dem Garten essen. Da darf natürlich eines nicht fehlen: der handgemachte Wein vom Schwiegervater. Ein Fass, ein Wort – keine 120 Liter macht der alte Herr des Hauses und auf die Frage nach der Rebsorte antwortet er schlicht: „Hundert Prozent Trauben.“

Gerne hätten wir eine Flasche davon für unsere Vin Naturell-Freundin in Köln mitgebracht, aber der Wein sei unverkäuflich, merkt Luis Schwiegervater leise lächelnd an. Und als wir ein ähnliches Lächeln im Gesicht von „Papa Godello“ ausmachen – wie Luís auch respektvoll genannt wird – dämmert uns, dass diese ganz private Kostprobe bereits viel von seinem Verständnis von „alma y tradición“ in sich trägt. Aber machen wir die Weinprobe auf’s Exempel und zwar in dem Restaurant in Larouco, in dem auch Luís Frau arbeitet.

Die Weine

Nur zwei Weine probieren wir von Ladera Sagrada: Seinen 2012er Mencía und seinen 2013er Godello namens „As Lindes“. Dieser Weißwein wird mit unterschiedlichen Etiketten verkauft – ganz abhängig davon, welcher Auftraggeber den Wein kauft. Diese „Private Label“-Strategie ist zwar für Luis eine solide Angelegenheit, doch tritt er als Winzer praktisch nie in Erscheinung. Aber das passt zu seiner Bescheidenheit. Zurück zu der Verkostung: Sein Roter ist solide gemacht, beweist aber, dass der Fokus dieser Region und auch seines Weingutes auf Godello liegt. Nicht umsonst ist er nun einmal „Papa Godello“. Und so begeistert der As Lindes vom ersten Schluck. Er präsentiert sich sehr fruchtbetont an der Nase und hat am Gaumen eine gute Kraft, die den Wein zu einem tollen Essensbegleiter macht. Aber auch die Säure ist hervorragend ausbalanciert. Hier werden weder die Speicheldrüsen gequält noch wirkt die Wein zu dumpf und säurearm. Also ist ganz schnell klar: Der As Lindes wandert auf unsere Shortlist.

Mitgenommen von Ladera Sagrada: 2013 „AS Lindes“ Godello

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Der rote Faden dieser Dienstreise

Noch lange nach der „cata de vinos“ sitzen wir an diesem quadratischen Tisch und krickeln Namen und Preise auf die weiße Papiertischdecke. Luís ist uns in diesem Gespräch ans Herz gewachsen wie kaum ein anderer auf dieser Dienstreise. Für ihn, der kein Star am spanischen Weinhimmel ist und dessen Lorbeern oft andere einheimsen, ist das Weinmachen eben nicht nur professionelle Passion, sie ist ihm eine Herzensangelegenheit!

Viel später als erwartet machen wir uns auf den Weg zum Parador in Monforte de Lemos, wo wir in eine andere Welt eintauchen. Der Parador ist im ehemaligen Palast der Grafen von Lemos untergebracht. Direkt daneben befindet sich ein alter Burgfried und das Kloster San Vicente do Pino, die allesamt auf dem höchsten Punkt von Monforte de Lemos errichtet sind. Adel verpflichtet und die Atmosphäre des Paradors sowie der Blick auf die umliegende Landschaft sind tatsächlich einmalig. Wir fühlen uns wieder an Cees Nooteboom erinnert und seine Vorliebe für die Paradores und verstehen sie hier besser denn je.

Den Abend wollen wir hier bleiben und nach einem Gentlemen Agreement mit dem Sommelier des Restaurants im Parador nutzen wir den kulinarisch günstigen Umstand für eine erste Nachverkostung der bisher ausgesuchten Weine. Das knirschende Zugeständnis an die ungewohnte Bitte der beiden deutschen Herren weicht schnell einer kollegialen Verbundenheit, als wir den Sommelier bitten, gleichfalls die Weine zu probieren. er trifft darunter alte Bekannte und weiß uns etwas über eine Bodega zu berichten, die wir am folgenden Tag besuchen werden. So schlängelt sich der rote Faden dieser Dienstreise von Parador zu Parador und von Bodega zu Bodega, eine Routenplanung, die sich bislang bewährt hat.

 

Unser Streckenverlauf des heutigen Tages:

 

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