Tag 4: Neue Region, neue Weine – weiter nach Valdeorras

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Junge und alte Familienbetriebe, der Goldrausch der Antike und eine unverhoffte Begebenheit

Als wir morgens den Parador in Villafranca del Bierzo verlassen, verbergen pudrig graue Wolken den Blick auf die Sonne. Die Feuchtigkeit des mitternächtlichen Gewitters liegt noch in der Luft, die Temperatur ist deutlich gesunken. Die Weingüter, die wir heute besuchen, liegen allesamt in Valdeorras und damit in Galicien. Kurz hinter Villafranca fahren wir durch einen Tunnel, dessen Einfahrt noch in Castilla-León liegt, den man aber auf der anderen Seite in Galicien verlässt.

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Sofort zeigt sich eine andere, luftigere Wetterlage. Zwar hat es auch im Valdeorras geregnet, doch setzt sich auf dieser Seite der Bergkette die Sonne mehr und mehr durch und sorgt für höhere Temperaturen und schnelleres Abtrocknen der Böden und Trauben. Wir schlängeln uns parallel zum Rio Sil, jenen Fluss, der dieses Anbaugebiet ganz durchzieht und sich in den Namen der Bodegas oft wiederfindet, bis nach Córgamo. Dort biegen wir von der Landstraße rechts ab und stehen nach wenigen hundert Metern bergauf vor der „Bodegas d’Berna“.

Der bevorstehenden Ernte sehen Berna Guitián Estévez und seine Frau Elena gelassener entgegen als die Kollegen im Bierzo. Die wenigen Kilometer westwärts, die wir gefahren sind, machen sich in den Prognosen der Winzer sofort als ein „später“ bemerkbar. Tatsächlich wird sich diese Tendenz bei unserer Dienstreise wohl noch fortsetzen, da wir immer weiter gen Westen und Atlantik vordringen.

Vor sieben Jahren hat Berna die Bodega mit seiner Frau gegründet und versteht das Unternehmen auch als Familienbetrieb. Geboren in Frankreich – wo er tatsächlich „Bernard“ hieß – als Sohn galicischer Auswanderer kehrt er irgendwann zurück und stürzt sich in das berufliche Abenteuer Wein. Es dauert seine Zeit, bis er die für ihn richtige Konstellation findet, eben die „Bodegas d’Berna“. Teile der rund sieben Hektar Weinberge finden wir direkt hinter der Kellerei in südwärts ausgestreckter Hanglage. Auch im Valdeorras herrschen Mencía und Godello vor und so eröffnet uns die Verkostung mit Berna erstmals die Gelegenheit, die unterschiedliche regionale Ausprägung dieser beiden Rebsorten nachzuschmecken.

Mit rund 100.000 Flaschen pro Jahr zählt die „Bodegas d’Berna“ zu den kleineren Produzenten, doch will sich Berna nach dem Aufbau der bestehenden Range an Weinen zunächst auf die Weiterentwicklung dieser Weine konzentrieren, bevor er sich an das ökonomische Wachsen und önologische Experimentieren macht. Widmen wir uns also einer Bestandsaufnahme seiner Weine und beginnen mit der Verkostung.

Die Weine

Sowohl die Weißweine als auch die roten Mencía-Weine von Berna sind sauber gemacht. Allerdings weiß kein Wein vollends zu überzeugen. So präsentieren sie sich vergleichsweise zurückhaltend und bieten nur wenig Attribute, die wirkliche Begeisterung aufkommen lassen könnten. Diese nicht ganz positive Betrachtungsweise erhärtet sich noch zusätzlich durch die Tatsache, dass die Weine von D’Berna preislich nicht gerade Schnäppchen sind. Mit anderen Worten: Die feilgebotene Qualität wird aus unserer Sicht für einen etwas überhöhten Preis angeboten. Zudem versetzt uns keiner der Weine in echte Verzückungen. So entscheiden wir uns ausnahmsweise dazu keinen der Weine für unsere Shortlist zu nominieren. Emotional betrachtet eine schwierige Entscheidung, denn die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit seitens des Winzer-Ehepaars hat uns sehr gefreut, doch müssen wir dem Dienstreise-Prinzip letztlich treu bleiben.

Mitgenommen von D’Berna: Leider keinen Wein

 

Vorsicht, Chef im Weingarten

Inzwischen hat der Atlantikwind die Wolken vertrieben, es ist deutlich wärmer als noch vor zwei Stunden. Nur wenige hundert Meter trennen uns von unserem nächsten Ziel der „Bodegas Valdesil“. Es bleibt daher noch Zeit, ein wenig in die Landschaft zu schauen, hinab in das Tal des Sil.

Weinlakai: Der Sil und seine Zuflüsse sind die eigentlichen Lebensadern des Valdeorras.

Adlatus: Valdeorras bedeutet übrigens „Goldtal“, schon die Römer haben hier Nuggets suchen lassen. Wir sollten uns mal Las Médulas anschauen.

Weinlakai: Machen wir! Aber zurück zur Gegend in der wir nun sind: Bereits seit 1957 ist Valdeorras eine D.O., eine recht kleine noch dazu. Sie umfasst gerade einmal 1.400 Hektar.

Adlatus: Ah, Moment mal, dann ist die D.O. Bierzo ja drei mal so groß!

Weinlakai: Genau. Gemeinsam ist den beiden Regionen wieder die Fokussierung auf die Rebsorten Mencía und Godello. Aber mehr Renommée hat der Godello aus Valdeorras. So ist es eigentlich mehr eine Weißwein-Gegend. Denn seit knapp zehn Jahren darf auch Albariño unter der Flagge D.O. Valdeorras segeln.

Adlatus: Die Region gilt übrigens als die trockenste Ecke Galiciens, weil der Einfluss des heißen Kontinentalklimas hier noch sehr groß ist.

Weinlakai: Dennoch liegt da oben auf den Bergen im Winter Schnee. Es gibt hier irgendwo sogar eine Liftanlage für Wintersportler. Aber auf jetzt!

Waren wir eben noch beim Newcomer, so fahren wir nun bei einer der renommierten Größen des Valdeorras vor. Die „Bodegas Valdesil“ führt seit fünf Generationen die Familie Gayoso, die mittlerweile Prada heißt. Uns empfängt der Export-Manager der Bodega, Luis Núñez, mit einem holländisch geprägten Englisch. Luis ist in den Niederlanden aufgewachsen und eigentlich ein Rückkehrer wie Berna. Und auch er hat sich für den Wein entschieden und einen Familienbetrieb – nur eben anders.

Immerhin 26 Hektar Weinberge nennt die Bodega ihr eigen, darunter finden sich die ältesten Godello-Reben des Valdeorras, welche die Familie Prada vor 130 Jahren, unmittelbar nach der Phylloxera-Katastrophe, gesetzt hat. Als wir später diesen Weingarten namens „Pedrouzos“ besichtigen, bittet uns Luis mit unerwartetem Ernst darum, sich vorsichtig im Weinberg zu bewegen, keine Trauben zu naschen oder gar auf irgendwelche Reben zu treten (siehe auch unten stehende Fotogalerie). Diese Lage hüte der Chef wie seinen Augapfel, erklärt er, daher verbringe er hier viel Zeit, um aufzupassen und schreite rigoros ein, sobald er eine Respektlosigkeit gegenüber seinen Trauben auch nur ahne.

Tatsächlich verlangen die Rebstöcke von 1885 einem Respekt ab und steigern die Spannung auf die Verkostung des Godellos dieser Lage. Alle Weingärten der Bodega liegen auf einer Höhe zwischen 420 und 600 Metern, darunter aber nicht nur die uralten Bestände sondern auch „neue“ Anpflanzungen, mit denen man seit den 1970er Jahre verstärkt auf die alten, für die Region typischen Sorten setzt. Und immer wieder macht uns Luis auf den Schiefer im Boden aufmerksam, der in unterschiedlicher Färbung dort sichtbar wird, wo Wege den Hang einschneiden.

Nicht umsonst kommen immer noch rund 60 Prozent der Weltschieferproduktion aus dem Valdeorras. Wiederholt stoßen wir auf große Lagerstätten, entdecken den Schiefer auf Dächern und an Fassaden – anders als im Bierzo – und um so mehr wächst die Vorfreude auf den Schiefer, den wir in den Weinen zu entdecken vermuten. Wenden wir uns der Verkostung zu.

Die Weine

Die Weine von Valdesil beeindrucken uns auf Anhieb. Das verbindende Element stellt dabei die besonders ausgeprägte Schiefer-Mineralik der Weine dar. Diese lässt sich ganz besonders gut in den weißen Godello-Weinen finden. Hierbei gefällt uns der Einstiegswein „Montenovo“ besonders gut, da er diese Stilistik sehr unverfälscht vermittelt. Die hochwertigeren Weißen liefern dann von Wein zu Wein immer mehr Volumen, Kraft und Komplexität. Allerdings sind wir dann auch schnell in Preiskategorien unterwegs, die nur für ausgesprochene Weißwein-Liebhaber zu verkraften sind. Aber auch die beiden Rotweine beeindrucken durch diese steinige Charakteristik und erinnern daher stilistisch sehr an einen Pinot Noir. Insbesondere der „Valderroa Carballo“ verbindet die Feinheit und Aromatik eines Pinot Noir mit einer Kraft, die den Wein alles andere als zu leicht wirken lässt. So wird der Besuch bei Valdesil ein echter Erfolg und wir „müssen“ direkt zwei Weine mitnehmen.

Mitgenommen von Valdesil: 2014 „Montenovo“ Godello und 2012 „Valdeorra Carballo“ Mencía

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Version 2

 

Goldgräber und Weinenthusiasten
Wir kehren nach dem Besuch der „Bodegas Valdesil“ zurück in den Bierzo, wo wir uns ein letztes Mal unter die Pilger im Parador in Villafranca mischen. Da uns noch etwas Zeit bleibt, machen wir auf der Rückfahrt einen Abstecher nach Las Médulas. Dahinter verbirgt sich eine der größten antiken Goldminen, die seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Unmittelbar nachdem die Römer unter Kaiser Augustus diese Gegend dem römischen Imperium einverleibt hatten, begannen sie mit dem Abbau von Erzen. Noch einmal zur Erinnerung: Valdeorras bedeutet „Tal des Goldes“ und so schätzt man, dass die Römer in 250 Jahren allein in Las Médulas rund 1.635 Tonnen Gold gefördert haben.

Das spektakuläre Aussehen der Bergstümpfe und Tunnel verdankt sich der antiken Technik, Stollen in den Berg zu treiben, diese dann mit Wasser zu fluten, um den Berg so von innen zu brechen und einfacher an die goldhaltigen Bereiche zu gelangen. Als wir durch die ockerfarbene Haldenlandschaft wandern, senkt sich die Sonne bereits zum Horizont und die Temperatur fällt spürbar. Ohne Eile kurven wir über kleine Straßen zurück nach Villafranca del Bierzo, wo wir noch einem Tipp folgen wollen, den uns María von „Losada Vinos de Finca“ gegeben hat. Dabei handelt es sich um kleines Restaurant mit großer Weinkarte, das abseits des großen Platzes im Zentrum in einer nur über eine Treppe erreichbaren Nebengasse liegt.

Im „Don Nacho“ angekommen, studieren wir aufmerksam, voller Appetit und Weindurst die Karte. Um der Region unsere Referenz zu erweisen und uns mit einem ihrer „Leuchttürme“ selbst zu belohnen, entscheiden wir uns für einen „Ultreia“ von Raúl Perez. Dazu gibt es Solomillo und gefüllte Auberginen, die obligaten Tomaten und Oliven, Schinken und Wurst. Der „Ultreia“ ist ein Gedicht – und zwar eines, das bei jedem Mal Lesen noch besser wird.

Wir schwärmen uns noch murmelnd die Geschmacksnotiz vor, als am Nachbartisch zwei Männer Platz nehmen und mit einem mitgebrachten Châteauneuf-du-Pape – immerhin ein „Vieux Telégraphe“ – direkt Farbe bekennen. Doch es wird noch besser, nun setzen sich die beiden Besitzer des „Don Nacho“ dazu und stellen eine mit Silberfolie kaschierte Flasche neben den „Vieux Télégraphe“. „Der andere ist ein Bordeaux“, flüstert der Weinlakai vor sich hin und sollte damit recht behalten. Es ist ein wunderbarer, wenn auch noch etwas junger Saint Emillion, wie wir erfahren. Denn unser reges Interesse an den Weinen bleibt den Gästen am Nachbartisch nicht verborgen und sie laden uns ein, an der Verkostung teilzunehmen.

Es sind Winzer, die wir bei ihrer privaten Fortbildung erwischt haben, und einer der beiden arbeitet gar mit jenem Raúl Perez zusammen, dessen „Ultreia“ uns diesen wunderbaren Abend eröffnet hat. So klein ist die Welt, sagt man gern bei solchen Anlässen – doch uns erscheint sie nach den tollen Weinen heute ungeheuer groß.

Unser Streckenverlauf des heutigen Tages:

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