Tag 5: Letzter Höhepunkt im Süden und die „Shortlist“ der Reise

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Die dritte Dienstreise findet in Scansano ihr wehmütiges Ende

Ach, Grosseto, du wirst uns in bester Erinnerung bleiben. Nach der Fahrt durch menschenkarge Landschaft, nahmst du uns innerhalb deiner Mauern auf, gabst uns wohlfeile Herberge und raffinierte Speisen und wiesest uns den Weg in diese auf volle Touren drehende Bar – Grosseto, Locanda dei Medici und Caffe‘ Ricasoli, ihr Sterne dieser Nacht, ach. Wir fahren noch weiter in den Süden, in die Appellation „Morellino di Scansano“. Der Besuch zweier Weingüter steht im Programm des letzten Dienstreisetages, bevor es noch am Abend über Bologna zurück nach Germania geht. Etwas Wehmut ob des Endes unseres weinsinnlichen Abenteuers steigt in Grosseto mit ins Auto ein. Doch in der ruhigen, bedachtsamen Art von Umberto Valle findet diese Wehleidigkeit ihren Therapeuten. 

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Gemeinsam mit seinem Bruder Bernardo leitet er die Geschicke von „Poggio Trevvalle“ und seinen 14 Hektar Wein – allesamt in unmittelbarer Umgebung der Kellerei. Die sanfte Entschiedenheit, die Umberto Valle ausstrahlt, steht quasi für seine Philosophie des Weinmachens. So vergleicht er seine Reben (Sangiovese, Merlot, Grenache, Cabernet Sauvignon) mit Menschen. Die Jüngeren hätten zwar mehr Kraft, machten aber auch mehr Fehler. Die Älteren dagegen hätten diese Kraft nicht mehr, aber eben ihre Erfahrung mit dem Terroir. Und wir glauben es, denn in den Weingärten finden wir Reben von 1973: wohlweislich die ältesten, die wir auf der Dienstreise in die Toskana gesehen haben.

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Doppelt spontaner Reben-Therapeut

Auf „Poggio Trevvalle“ wird biologisch gewirtschaftet, die offizielle Demeter-Zertifizierung sei aber für einen kleinen Produzenten (maximal 70.000 Flaschen pro Jahr) einfach zu teuer. Und sie fresse Zeit, die im Weinberg sinnvoller investiert sei. Zur Spontanvergärung ist man vor über zehn Jahren spontan übergegangen. Die Trauben waren 2003 viel früher reif als sonst und auf die Schnelle war einfach keine Hefe aufzutreiben. Da habe man aus der Not eine Tugend gemacht, von der man bis heute nicht abgerückt sei. Die Ernte erfolgt in bis zu 20 unterschiedlichen Chargen, die alle einzeln vinifiziert werden. Strenge Selektion der Trauben, lange Mazeration, so liest sich auf „Poggio Trevvalle“ die Gebrauchsanweisung.

Im Sortiment führen Umberto und Bernardo Valle IGT-Weine sowie Weine der DOCG Morellino di Scansano, aber auch einen DOC Montecucco. Die Appellationen sind für den regionalen Markt – insbesondere in Abgrenzung zum Chianti – wichtige Kennzeichnung und haben einen guten, verkaufsfördernden Ruf. Ob wir den auch hören, erfahren wir bei der Verkostung.

Poggio Trevvalle – Die Weine
Ausnahmsweise beginnen wir die Verkostung mit einem Rosé. Und zwar einem aus 100% Sangiovese. Gut ist er noch dazu und wir sehnen uns geradezu nach einem nicht-roten Mitbringsel. Doch werden wir schnell dahingehend belehrt, dass auch bei Poggio Trevvalle richtig gute Rotweine entstehen. Und zwar so gute, dass sich ein Rosé einfach nicht durchsetzen kann. Insbesondere der 2014 Pàssera hat es uns angetan. Wir probieren von diesem 100%igen Sangiovese zwar auch die Jahrgänge 2012 und 2013, aber der aktuelle Jahrgang ist interessanterweise der überzeugendste. Es ist ein Wein, der durch seinen reinen Zement-Ausbau unwahrscheinlich fruchtbetont daher kommt, aber trotzdem ausreichend Struktur und damit verbundene Ernsthaftigkeit aufweist. Insbesondere, da der Wein preislich knapp unter 10 EUR liegt ist er für uns unbedingt ein Teil der schon mit Hochspannung erwarteten Blindverkostung.

Mitgenommen von Poggio Trevvalle: 2014 "Pàssera" Morellino di Scansano DOCG
Mitgenommen von Poggio Trevvalle: 2014 „Pàssera“ Morellino di Scansano DOCG

 

 

 

 

 

 

 

 

Poggio Trevvalle – Das Video

Noch einmal wollen wir hoch hinaus, auf zugigen 350 Metern liegt nämlich das Weingut „Roccapesta„, wo wir mit Ksenia Zhuchkova und Besitzer Alberto Tanzini verabredet sind. Noch bevor wir eine Hand schütteln, begrüßen uns zwei Mastiffs, die ihre Freude über den ungewohnten Besuch hinter kräftigem Gebell verstecken. Die Stimmgewalt der Vierbeiner erspart uns das Klingeln, mit entschuldigendem Lächeln kommt uns Ksenia Zhuchkova bereits entgegen und macht mit uns den Weg in die Weingärten, die in „Roccapesta“ durchaus auch die Bezeichnung Weinberge verdienen. Vulkanisches Gestein, Sediment eines Urmeeres geben meistenteils den Boden ab, je nach Ausrichtung und Höhe des Hanges empfehlen sich andere Rebsorten. Sangiovese, Petit Verdot, Syrah, Alicante Nero, Pugnitello und Ciliegiolo stehen auf rund 20 Hektar, die Alberto Tanzini in etwa 100.000 Flaschen Jahresproduktion ummünzt.

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Planung ist alles – ein guter Wein noch besser

Als Alberto Tanzini 2003 das Weingut übernahm, fing er mit nur vier Hektar an. Und auch das nur über einen Umweg. Denn eigentlich suchte der Finanzberater damals nur einen ruhigen Flecken in ländlicher Abgeschiedenheit und schöner Landschaft, an dem er ausspannen konnte – quasi im OFF. Er findet das Weingut, entdeckt mit „Roccapesta“ sein Glück …  und mutiert zum „Wein-Maniac“, der mit buchhalterischer Akkuratesse an das Machen wunderbarer Tropfen herangeht. Aufwändige Arbeit an den Reben – 600 Arbeitsstunden pro Hektar – einschließlich grüner Ernte und dreistufiger Selektion des Ernteguts, beste Kellertechnik im unterirdischen Anbau, klare, umsichtige Vorstellungen über den Holzeinsatz für die Reife: „Roccapesta“ ist IN!

Die planerische Bedachtsamkeit, mit der dieser Mann an seine Weine geht, ist auch beim Gang durch den Keller zu spüren. Alberto Tanzini ist kein Marktschreier, keiner, der es nötig hat, das hervorzutun, was er tut. Er ist beseelt von seinem Sein als Weingutsbesitzer, aber vielleicht hat ihm das ja die Seele gerettet.  Wir setzen uns zur Verkostung der Weine an einen großen Holztisch im Keller. Vor uns liegen Sets mit unseren Namen und den Weinen, die wir nun ins Glas bekommen. Auch dieses Detail ist dem vorausschauenden Blick von Alberto Tanzini nicht entgangen denn diese Geste meint letztlich nur eins: konzentriert euch auf die Weine.

Roccapesta – Die Weine
Die Grundatmosphäre (siehe Fotogalerie) und die professionelle Vorbereitung der Probe beeindrucken uns zugegebenermaßen  Umso wichtiger, dass wir alle Weine in unserer Blindverkostung nochmals völlig „wertneutral“ probieren. Doch bereits vor Ort lassen wir uns nicht zu sehr ablenken und spüren sehr schnell, dass hier richtig gute Handwerkskunst auf Sangiovese trifft. Der „normale“ 2013 Morellino di Scansano liefert dabei aus unserer Sicht das – in Bezug auf Preis-Genuss-Verhältnis – beste Gesamtpaket ab. Der Wein verbrachte 12 Monate in gebrauchten, 500 Liter fassenden Tonneau und ruhte anschließend nochmals 12 Monate in der Flasche. Wir bewegen uns hier in einer Preisklasse um die 15 Euro und dafür bietet der Wein mehr als zu erwarten wäre. Insbesondere in Bezug auf das Alterungspotenital ein überraschend gutes Angebot. Zudem – das sei erlaubt anzumerken – gefällt uns die Flasche mit ihrer Wachskapsel ausgesprochen gut. Eingepackt!

Mitgenommen von Roccapesta: 2013 Morellino di Scansano DOCG
Mitgenommen von Roccapesta: 2013 Morellino di Scansano DOCG

 

 

 

 

 

 

 

 

Roccapesta – Das Video

Last but not least

Letztlich – das war das Stichwort. Wir drängen zur Eile, wollen doch nicht den Flieger in Bologna und die wunderbare „Cuvée special“ auf dem Rückflug verpassen. Wir drücken auf die hybridgetriebene Tube, denn gerade eben erst haben wir den letzten Wein für die Blindverkostung in der Heimat eingesammelt und die Versandkartons müssen noch geschnürt werden. Aber wir kommen gut voran. Florenz aus der nicht ganz so ansehnlichen Fern, beschwört noch einmal den Auftakt der Dienstreise. Im Parkhaus, in dem wir unseren Mietwagen abgeben, machen wir uns an das Verpacken des Sondergepäcks: Vorsicht Glas!

Letztlich – wollen wir unsere Leser nicht zu lange auf die Empfehlung der sechs besten Weine warten lassen. Aber allein der Blindverkostung gelingt es, all die Eindrücke und Sympathien, Gespräche und Geschichten auszublenden, die das Abenteuer der Dienstreise ausmachen und einer ehrlichen Empfehlung im Wege stehen. Vor aller Augen deshalb noch einmal alle Kandidaten, die in die Blindverkostung eintreten.

 

Dieses Mal sind es nicht nur einfach sechs Empfehlungen, um die es geht. Dieses Mal geben die sechs Weine auch eine Art Geburtstagsständchen ab: Es sind Weine, die 300 Jahre nach dem Weingesetzt von Cosimo III. de Medici, zeigen, was die Toskana heute ausmacht. Selbstverständlich können sechs Weine nicht eine solche Größe wie die Toskana portraitieren – keinesfalls – aber sie zeigen, wie unendlich es sich lohnt, wenn man sich auf diese Schönheit mit den vielen Gesichtern einlässt. Auch deshalb: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Die Ergebnisse der Blindverkostung werden am kommenden Mittwoch, den 24.02.2016 veröffentlicht.

Der Streckenverlauf des heutigen Tages:

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