Tag 4: Maremma Mia – weinige Überraschungen mit Stil

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An unserem vierten Tag gerät Sangiovese plötzlich zur Mangelware

Das Meer, wir haben das Meer gesehen. Auf der Karte erscheint der Weg, den wir noch gestern von Bucine nach Cecina genommen haben, eine nahezu gerade Linie von Ost nach West. Die Topographie der real existierenden Straßenführung strafte diese Vorstellung jedoch kurvig Lügen. Als wir den Scheitel der Colline Metallifere erreichten, sahen wir das Meer – und das große Wolkentheater ließ gleich den Vorhang fallen. Wir sind in der nördlichen Maremma unterwegs und eröffnen den Tag mit der GPS-Koordinate 43.382215, 10.539705. Diese gibt nämlich den verlässlichsten Wegweiser zu unserer Verabredung mit Bettina Berthau in Castello de Terriccio. Kein Name eines Dorfes, sondern eines 170 Hektar großen Landguts, das neben seinen Olivenbäumen, dem Weizen und Wald, neben den Rindern und der Pferdezucht vor allem für seine Weine bekannt ist. Wir sprechen deutsch, denn Marketing-Managerin Bettina Berthau ist eine „compatriota tedesca“.

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Doppelte Premiere im Idyll

Auf diesem Land betrieben schon die Etrusker Landwirtschaft und bauten Erze ab. Das Gut wanderte seit dem Mittelalter durch die Hände verschiedener Adelsgeschlechter, bevor 1921 die Familie von Gian Annibale Rossi di Medela Terriccio erwarb. Auf rund 50 Hektar stehen die Rebsorten Cabernet-Sauvignon, Merlot, Petit Verdot und Syrah. Eine doppelte Premiere, denn auf dieser Dienstreise haben wir noch kein Weingut erlebt, das keinen Sangiovese anbaute und keines, das Syrah gepflanzt hätte. Ein deutlicher stilistischer Fingerzeig in der Toskana!

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Beim Blick von der Terrasse, der über die frühlingshafte Landschaft bis zum Meer reicht, erläutert Bettina Berthau die Frankophilosophie des Weinguts und die Ausstattung der Kellerei. Rund 150.000 Flaschen stelle man jährlich her, wobei der  „Tassinaia“ mengenmäßig den Schwerpunkt bilde. Immerhin 70 Prozent der Weine gehen in den Export, vor allem nach Asien und in die USA, aber auch in einige europäische Länder. Allergrößte Mühe gibt sich Bettina Berthau bei der Verkostung der Weine und uns damit die sonnige Gelegenheit, außergewöhnliche Vertreter der Toskana kennenzulernen.

Castello del Terriccio – Die Weine
So sieht eine wirklich großzügige Verkostung aus: Insgesamt zehn Weine probieren wir bei Terriccio voller Begeisterung. Bereits die beiden Weißweine gefallen uns sehr gut und sind alles andere als erwartungsgemäß: Beim „Con Vento“ kommt 60% Sauvignon Blanc und 40% Viognier ins Glas, beim darauf folgenden „Rondinaia“ 75% Chardonnay und 25% Viognier. Typisch toskanisch sieht anders aus! Bei den Rotweinen wird es dann aber richtig spannend. Hier bekommen wir hauptsächlich Merlot und Cabernet Sauvignon in unterschiedlichen „Mischungsverhältnissen“ kredenzt. Schon der Einstiegswein aus 2014, „Capannino“, gefällt uns ausgesprochen gut, denn er überzeugt durch eine tolle, Merlot-geprägte Frucht und eine wohltuende Mineralik. Seinen kleinen Cabernet-Anteil verheimlicht er aber nicht gänzlich, sondern er verleiht dem Wein eine schöne Cassis-betonte Würze und Ernsthaftigkeit. Doch die Krönung der Verkostung stellen drei (!) Jahrgänge des Spitzenweins „Lupicaia“ dar. Von diesem in Bordeaux-Machart vinifizierten Wein (80% Cabernet Sauvignon sowie Merlot und Petit Verdot) entkorkt Bettina Bertheau die Jahrgänge 2006, 2008 und 2010. Klar, hier sind wir bereits in der 100-Euro-Liga unterwegs, aber die Weine liefern ab! Die Kombination aus endloser Kraft und enormer Struktur mit einer geradezu leichtfüßigen Balance und Frische findet man nur in sehr wenigen Weinen. Sei’s drum: Bei 100 Euro wir der Paketpreis unserer sechs zur Disposition stehenden Entdeckungen deutlich gesprengt und ziehen wir mit einem Grinsen auf dem Gesicht und einer Flasche des wirklich guten „Capannino“ von dannen.

Mitgenommen von Castello del Terriccio: 2014 "Capannino" IGT
Mitgenommen von Castello del Terriccio: 2014 „Capannino“ IGT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Castello del Terriccio – Das Video

Auf unserer Fahrt quer durch die Colline Metallifere in Richtung Süden, wirkt das Idyll von Castello del Terriccio noch lange nach. Wir sind auf dem Weg nach Roccatederighi, zu dessen Füßen das Weingut „Ampeleia“ liegt. Bereits in den 1960er Jahren kaufte ein Schweizer Ehepaar den verlassenen landwirtschaftlichen Betrieb, 2002 übernehmen die Weinmacher Elisabetta Foradori, Thomas Widmann und Giovanni Podini und machen daraus das Weingut „Ampeleia“. Seit 2009 sind Foradori und Podini die alleinigen Besitzer. Wir treffen uns mit Sales-Managerin Simona Spinelli. Ihre Begeisterung für den Liebreiz der Landschaft, die wilde Schönheit der Umgebung ist trotz ihrer langjährigen Arbeit vor Ort noch genauso frisch wie unser Eindruck beim Gang durch die Weingärten. Im Jahr 2009 habe man auf Biodynamie umgestellt, um der Kraft des Terroirs noch näher zu kommen, erläutert sie, und weist lachend auf drei Kühe hin, die sorglos kauend ihrer Produktion biodynamischen Düngers nachgehen. Und noch haben sie ihre Hörner!

DSC04567Reinen Wein einschenken

„Ampeleia“ stellt ausschließlich IGT Weine her, und produziert auf 35 Hektar Rebfläche knapp 120.000 Flaschen pro Jahr. In den Weingärten stehen Cabernet Franc, Grenache – in dieser Region „Alicante Nero“ genannt – Mourvèdre sowie Carignano und Alicante Bouschet. Voller Verve erläutert Simona Spnelli die drei Höhenlagen des Weinguts mit ihrer unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit und Ausrichtung sowie welche Rebsorten dort stehen. Es geht um den Einfluss der Berge und des Meeres und die verschiedenen Mikroklimata, die sich aus dieser Gemengelage ergeben – und die verstanden sein wollen. Das werden Sie später dem Wein anmerken, verspricht sie vielsagend, aber ohne zuviel zu versprechen. Zuvor sammeln wir noch weitere Stichworte zur Arbeit im Weinberg und im Keller: nur Handarbeit an den Reben, Spontanvergärung, kein Klären und Filtrieren. „Uns ist“, so Simona Spinelli, „der Respekt vor der Natur und damit vor dem Wein das Wichtigste“.

Die Sonne meint es richtig gut mit uns, so dass wir uns für die Verkostung gern ins Freie setzen. In der Ferne hört man die Glocken der Kühe und sonst nur das Zwitschern der Vögel. Einige Momente der Ruhe, bevor sich gleich die Weine mit unverkennbarer Stimme melden. Und beim Verkosten werden wir das Gefühl nicht los, dass uns der Bacchus von Poggio Bonelli aus dem nahen Wald grinsend zuschaut.

Ampeleia – Die Weine
OK, verstanden: In der Maremma ist alles anders. Erst bekommen wir Sangiovese-freie Bordeaux-Rebsorten ins Glas und nun bewegen wir uns bei Ampeleia an die südliche Rhône Frankreichs. Schon der Einstiegswein in der Einliterflasche mit dem prägnanten Namen „Unlitro“ enthält Grenache, Mourvédre und – zugegebenermaßen etwas spanischen Alicante. Und auch der „Kepos“ besteht aus diesem Mix, allerdings aus strengerer Selektion. Das wirklich besondere an den Ampeleia-Weinen sind aber nicht die unüblichen Rebsorten, sondern vielmehr die reine, klare und frische Machart. Als dann der 2014er „Alicante“ ins Glas kommt ist diese Reinheit noch zusätzlich mit einer atemberaubend komplexen Aromatik versehen. Mit anderen Worten: Genau mein Ding! Bei diesem Wein steht das „Alicante“ allerdings für die spanische Bezeichnung für Grenache, Alicante Nero. Und zwar zu 100%. Besser kann es eigentlich gar nicht werden, doch wir probieren auch noch den Spitzenwein von Ampeleia mit dem bescheidenen Namen „Ampeleia“. Hier kommt dann nochmals eine überraschende Rebsorte zum Einsatz, nämlich 70% Cabernet Franc aus den Höhenlagen des Weinguts. Verschnitten mit Grenache und Mourvèdre. Dabei kommt das erste Mal auch Holz zum Einsatz, allerdings nur zu 50% und auch nur in Form von großen Holz-Foudren. Es ist ein wirklich großer Wein mit ernsthafter Struktur und wiederum eine beeindruckenden Aroma-Vielschichtigkeit. Auch wenn wir heute den „Alicante“ mitnehmen, der etwas zu teure „Ampeleia“ wird in Zukunft sicher eine Weinlakai-Einzelempfehlung.

Mitgenommen von Ampeleia: 2014 Alicante Costa Toscana IGT
Mitgenommen von Ampeleia: 2014 Alicante Costa Toscana IGT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ampeleia – Das Video

Auch von „Ampeleia“ fällt uns der Abschied schwer, doch die Zeit bis zum nächsten Termin bei Gavorrano ist knapp. Als wir im Auto sitzen und noch einmal über die heute verkosteten Weine reden, bemerken wir, dass unsere interne Sangiovese-Tankanzeige bereits auf „Riserva“ steht. Tatsächlich haben wir heute fast nur französische Rebsorten im Glas gehabt. Doch dieser eingebildeten Pein schafft unser Besuch in der „Podere San Cristoforo“ Abhilfe. Dort sind wir eigentlich mit Lorenzo Zonin verabredet, dem Besitzer und Weinmacher der Podere, allerdings musste er kurzfristig absagen, so dass wir anstatt seiner von Elaine und Glyn Stevens begrüsst werden. Das englische Ehepaar wohnt auf dem Weingut und gibt heute ehrenwert den Stellvertreter bei dem Gang durch den Keller und der Verkostung ab – Greetings!

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Lebendiger Boden als Garant des Terroirs

Auf 15 Hektar stehen Sangiovese, Petit Verdot, Syrah sowie Vermentino und Trebbiano, aus denen Lorenzo Zonin vier Weine macht. Das Weine Machen auf „Podere San Cristoforo“ folgt wie schon in „Ampeleia“ dem biodynamischen Prinzipien. Mit besonderer Sorgfalt bemüht sich Zonin um „lebendige“ Böden und die Gesundheit der Reben und Trauben, allein mit dem Ziel, reinen Wein herzustellen, der die Qualitäten des Terroirs echt wiedergibt. Doch am besten erklärt dies Lorenzo Zonin selbst in seinem Video zum Thema „Was ist guter Wein“ (siehe weiter unten), das er uns freundlicherweise hinterher geschickt hat.

Glyn Stevens ist Manager des nahen Golf-Clubs und erst hier in Italien mit dem Medium Wein in Kontakt getreten. Seine Frau und er bemühen sich um unser leibliches Wohl, verzichten jedoch darauf, mit uns gemeinsam die Weine zu verkosten. Das ist uns sympathisch, denn letztlich stehen die Weine für sich. Dennoch müssen wir Glyn enttäuschen und lassen uns auf eine Neun-Loch-Partie im nahen Club nicht ein.

Podere San Cristoforo – Die Weine
Nun scheint sich alles wieder etwas „einzunorden“, denn bei der Podere San Cristoforo spielt Sangiovese erneut die Hauptrolle. Und zwar bei den verkosteten Weinen „Amaranto“ und „Carandelle“ zu 100%. Der 2013er „Amaranto“ kommt mir durch seine 10 Monate in gebrauchten, französischen Barriques noch etwas zu holzbetont daher. Der Wein braucht schlichtweg noch etwas Zeit, um diesen Eindruck abzulegen. Dafür macht der 2013er „Carandelle“ schon jetzt alles richtig: Er überzeugt durch eine schöne, Sangiovese typische und kirschbetonte Aromatik, eine trinkanimierende Säure und eine gute Tanninstruktur. Alle Komponenten befinden sich hierbei bereits in wunderbarer Harmonie. Zu guter Letzt gibt es dann doch noch etwas Kurioses: Wie schon bei Poggio Bonelli im Chianti bekommen wir 100% Petit Verdot ins Glas. Der 2013er „San Cristoforo“ steht wie schwarze Tinte im Glas und bringt ordentlich Kilos auf die Waage. Doch ein Petit Verdot, der als Verschnittwein hauptsächlich strukturgebend eingesetzt wird, braucht einfach jeden Menge Zeit, um innere Reife und Balance zu finden. So verlassen wir mit aufgefülltem Sangiovese und einer Flasche „Carandelle“ die Podere San Cristoforo.

Mitgenommen von Podere San Cristoforo: 2013 "Carandelle" Sangiovese Maremma Toscana IGT
Mitgenommen von Podere San Cristoforo: 2013 „Carandelle“ Sangiovese Maremma Toscana IGT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Podere San Cristoforo – Das Video

Für uns geht es weiter nach Grosseto, wo unsere Unterkunft wartet, und wir uns vor dem zweiten Tag in der wunderschönen Maremma ein wenig städtisches Leben gönnen wollen. Maremma Mia!

Der Streckenverlauf des heutigen Tages:

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