Geht doch: Cool Climate aus Australien

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Bellvale ist ein kleines Weingut aus der südaustralischen Region Gippsland. Was sich hier der US-stämmige Winemaker John Ellis vorgenommen hat, mutet zunächst als ein völlig aussichtsloses Unterfangen an: die Produktion von hochwertigem Chardonnay und Pinot Noir nach dem Vorbild des Burgunders. Im Rahmen eines Wine Dinners konnte  ich mich  nun davon überzeugen, dass Burgunder «made in Down Under» tatsächlich möglich sind.

John Ellis
John Ellis

Es ist kein Geheimnis, dass es in Australien sehr heiss werden kann. Der typische Shiraz aus dem Barossa wirkt häufig wie eine hochkonzentrierte Fruchtbombe mit einem Alkoholgehalt, der ohne Weiteres 17 Prozent erreicht. Für diese Art von Weinen gibt es sicherlich auch die passenden Trinker, doch ein Pinot Noir in dieser überreifen Ausprägung findet selten seine Liebhaber. Zu sehr lebt diese anspruchsvolle Rebsorte von ihrer aromatischen Feinheit und vor allem ihrer anmutigen Säurestruktur. Wirkt ein Pinot Noir «marmeladig», säurearm sowie dumpf und alkoholbetont, ist dies aus meiner Sicht keine Neuinterpretation der Rebsorte, sondern vielmehr ein Fehlversuch. Beim Chardonnay sieht das zwar etwas anders aus, denn aus dieser Rebsorte lässt sich praktisch überall ein halbwegs vernünftiger Wein produzieren, aber zwischen einem weissen Burgunder und einem «Neue Welt«-Chardonnay liegen – stilistisch betrachtet – himmelweite Unterschiede. Und obwohl mittlerweile fast alle Weinproduzenten aus den heissen Weinregionen der Welt behaupten, sie produzierten «Cool-Climate-Weine», so ist doch das Ergebnis in der Flasche häufig von extrem sonnenverwöhnten und dadurch überreifen und säurearmen Trauben geprägt. So bleibt die Kennzeichnung meist nur ein leeres Marketing-Versprechen.

Bevor ich nun aber die positive Grundlage dieses Berichts völlig zunichte mache, versuche ich eine Kehrtwende: Bei allen geschilderten Betrachtungen handelt es sich um Verallgemeinerungen und über viele Jahre manifestierte Klischees. Es geht selbstverständlich auch anders − selbst in Australien. Das Klima Down Under ist natürlich nicht überall gleich. Es gibt sie tatsächlich, die milden Gegenden mit einem starken Gefälle zwischen Tages- und Nachttemperaturen. Zum Beispiel im australischen Gippsland, das nahe der Südküste Australiens liegt und zur Weinregion Victoria gehört. Die Gegend profitiert vom maritimen Einfluss der Bass-Strasse, die das australische Festland von Tasmanien trennt.

Überraschenderweise sind die Voraussetzungen in Gippsland ideal für die gewollte Stilistik à la Burgund: Durch 800–900 mm Niederschlag im Jahr kann auf eine künstliche Bewässerung vollständig verzichtet werden, und auch im Sommer wird es selten wärmer als 30° C. Genau hier hat sich der US-Amerikaner John Ellis 1998 den Traum eines eigenen Weingutes erfüllt. Im Rahmen einer Veranstaltung des Club Vivanova im japanischen Teppan-Yaki-Restaurant Benkay in Düsseldorf wollte ich von dem mittlerweile über Siebzigjährigen persönlich erfahren, welche Beweggründe ihn zu der Gründung eines burgundischen Weingutes in Australien veranlasst haben. Zudem konnte ich mir in der anschliessenden Verkostung ein Bild davon machen, ob die Weine mit einem Flaschenpreis von nur 20 Euro wirklich ihren französischen Vorbildern Konkurrenz machen können.

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Interview mit John Ellis

Tobias Treppenhauer: Bitte erzählen Sie doch ein wenig über Ihren Werdegang als Winzer.

John Ellis: Nun, ich habe vor 40 Jahren in New York angefangen, Wein zu produzieren. Es gibt eine recht ernst zu nehmende Weinindustrie im Osten von Long Island in New York City. Als ich dort lebte, bestellte ich meinen ersten eigenen Weinberg. Allerdings war es mein eigentlicher Job, als Pilot bei der Pan Am zwischen den USA und Europa zu fliegen. Dadurch lernte ich schnell hochwertige Weine aus den besten Regionen Europas kennen.

Tobias Treppenhauer: Das heisst, für Sie war der erste Weinberg eher ein Hobby?

John Ellis: Ja, so könnte man es bezeichnen. Ich verkaufte die Trauben an ein Weingut in meiner Nähe. So fing es an. Irgendwann wurde ich mit der Weinqualität aus Long Island unzufrieden und widmete mich anderen Dingen. Als ich dann aber in den 80er Jahren nach Australien auswanderte, nahm das Thema für mich wieder Fahrt auf und ich gründete schliesslich 1998 mein eigenes Weingut. Gippsland wählte ich dabei ganz bewusst, da ich die Region für den Anbau von Burgunderrebsorten für besonders geeignet erachtete. Chardonnay und Pinot Noir sind einfach die Liebe meines Weinlebens.

Tobias Treppenhauer: Waren Sie denn ein Pionier mit diesen Rebsorten in Gippsland?

John Ellis: Nein, ich folgte dem Vorbild des Weingutes Bass-Phillip rund um Phillip Jones, der hier bereits erfolgreich Pinot Noir anbaute. Seine Weine hatten nichts mit den Pinot Noirs aus den wärmeren Gegenden Australiens gemein. Und so pflanzte ich meine ersten Reben nur 15 Kilometer von ihm entfernt. Mein Weinberg ist wunderschön und nach Norden in Richtung des Äquators gelegen. Das Klima dort ist eher mild, da es stark durch den südlichen Ozean beeinflusst wird, der nur rund 30 Kilometer entfernt ist. Und so pflanzte ich dort zunächst zehn Hektar Pinot Noir und später dann sechs Hektar Chardonnay. Man weiss am Anfang natürlich nicht, was daraus wird, doch für uns hat das Experiment funktioniert und es bewahrheitet sich die Weisheit «location is everything».

Tobias Treppenhauer: Wie arbeiten Sie im Weinberg?

John Ellis: Auch hier folgen wir Positivbeispielen aus dem Burgund. So beträgt die Pflanzendichte 7.000 Rebstöcke pro Hektar. Dadurch entsteht ein immenser Nährstoffwettbewerb zwischen den Pflanzen und sie werden dazu gezwungen, sehr tief ins Erdreich zu wurzeln. Ergebnis sind geringe Erträge pro Rebstock, doch ein deutlich höheres Qualitätsniveau der Trauben.

Tobias Treppenhauer: Von welchen Erträgen sprechen wir?

John Ellis: Konkret heisst das für den Chardonnay 35 hl/ha und für den Pinot Noir 28 hl/ha. Insgesamt verlassen nur 3.500 Kisten der erwähnten Rebsorten jährlich unser Weingut. Wir sind also ein eher kleiner Betrieb.

Tobias Treppenhauer: Aus meiner Sicht haben Sie sich einem Unterfangen gewidmet, das kaum schwieriger sein könnte: Sie brachten mit Pinot Noir eine sehr anspruchsvolle Rebsorte in eine Gegend, die auf den ersten Blick völlig ungeeignet dafür ist.

John Ellis: Ja, Pinot Noir ist wirklich der «Teufel» (lacht). Aber das australische Klima wird in aller Regel völlig falsch eingeschätzt. Es gibt eben nicht nur Wüstenregionen mit hohen Temperaturen. Der Süden Victorias, in dem auch Gippsland liegt, ist landwirtschaftlich geprägt und hat einen eher kurzen Sommer. Es ist zwar nicht so mild wie im Burgund, kommt diesem aber schon sehr nahe. Das Problem mit Pinot Noir in anderen Regionen Australiens, aber auch in Kalifornien, besteht darin, dass er in zu warmen Regionen angebaut wird. So verlieren die Weine jegliche Subtilität in ihrer Frucht und sind häufig zu extraktreich.

Tobias Treppenhauer: Cool Climate ist bei Ihnen also kein leeres Versprechen?

John Ellis: Nein, wirklich nicht (lacht). Wir schaffen es, das Zuckerniveau des Pinot Noir auf einem wirklich moderaten Niveau zu halten. Auch der Säuregehalt kollabiert nicht. Alles passiert eben ein bisschen langsamer als in einem wärmeren Klima.

Tobias Treppenhauer: Wie warm ist es denn bei Ihnen während der Erntezeit im Durchschnitt?

John Ellis: Ende März, Anfang April sind es hier tagsüber um die 28–30 Grad, jedoch fallen die Temperaturen nachts um mindestens zehn Grad. Und da die Reben ein unwahrscheinlich tief reichendes Wurzelsystem haben, ist der natürliche Niederschlag der Region ausreichend, um völlig ohne künstliche Bewässerung auszukommen.

Tobias Treppenhauer: Viele Weintrinker bezeichnen Pinot Noir als den Gipfel aller Rebsorten. Worin liegt für Sie die Faszination?

John Ellis: In der Subtilität und dem unvergleichlichen Fruchtaroma der Weine. Aber vor allem auch in der Beziehung zwischen Pinot Noir und Essen. Aus meiner Sicht gibt es keinen besseren Wein zum Essen, keinen Wein, der so einen positiven Einfluss auf den Geschmack des Essens hat. Aus meiner Sicht kann dies kein anderer Wein so gut.

Tobias Treppenhauer: Mr. Ellis, vielen Dank für das Gespräch!

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John Ellis während des Club Vivanova Event im Teppan-Yaki-Restaurant „Benkay“ (Düsseldorf)

Verkostungsnotizen

2012 Chardonnay Athena’s Vineyard, Gippsland, Victoria: Er ist anscheinend noch voll in der Fruchtphase befindlich. Wundervoll aromatisch mit feinen Nuss- und Toffeenoten und bereits beeindruckender Komplexität. Noten von frischen Äpfeln und weissen Pfirsichen. Die 12 Monate im Holz sind stilistisch nicht offensichtlich und auch die Säure kontert den laotischen Grundcharakter hervorragend. Steht einem großen Burgunder in nichts nach.

18/20 –2017

2011 Chardonnay Athena’s Vineyard, Gippsland, Victoria: An der Nase ist zunächst eine Aromatik wahrnehmbar, die an einen Sauternes erinnert. Insgesamt wirkt der Wein vornehmer und zurückhaltender als der 2012er. Er ist weniger offen und komplex, verfügt aber trotzdem über eine imposante Gestalt. Er befindet sich in seiner Entwicklung noch im absoluten Anfangsstadium und hat die Fruchtphase des 2012ers bereits hinter sich. In ein bis zwei Jahren ist hier sicher ein sehr (positiv) veränderter Wein anzutreffen.

17+/20 –2017

2007 Chardonnay Athena’s Vineyard, Gippsland, Victoria: Wow, auch nach sechs Jahren ist der Wein immer noch mit einer tollen Säure ausgestattet. Zudem präsentiert er sich sehr komplex an der Nase: Es dominieren Gewürznoten und eine gewisse Rauchigkeit. Insgesamt ebenfalls auf einem sehr hohen Niveau, wenn auch mit einer durch das Alter veränderten Charakteristik, vor allem im Vergleich zur frischen Frucht des 2012ers. Für einen Wein um die 20 Euro wirklich sensationell.

18/20 –2017

2008 Pinot Noir Quercus Vineyard, Gippsland, Victoria: Sehr feine Aromen von roten Beeren und Kirschen an der Nase. Ganz typisch Pinot Noir mit Noten getrockneter Blütenblätter und mineralischen Anklängen. Im Abgang eine spürbare Gewürznote und eine wunderbar frische Säure. Die Komplexität ist noch nicht sonderlich groß und wird etwas durch den Alkoholeindruck gehemmt, doch wird sich der Wein in den nächsten zwei bis drei Jahren bestimmt noch deutlich verbessern.

17+/20 –2017

2007 Pinot Noir Quercus Vineyard, Gippsland, Victoria: Stilistisch dem 2008er sehr ähnlich, jedoch mit einer noch deutlicher ausgeprägten Gewürznote und einer insgesamt vielschichtigeren Aromatik. Der Alkohol wirkt besser eingebunden und er verfügt über die bei dieser Rebsorte so oft gerühmte Eleganz und Feinheit. Auch hier ist die perfekt integrierte Säure ein entscheidender Erfolgsfaktor. Für 20 Euro habe ich selten einen so guten Pinot Noir getrunken.

18/20 –2017

Bellvale-Weine sind von Mitton Wines in Berlin zu beziehen

Bellvale: Burgunder aus Down Under
Bellvale: Burgunder aus Down Under

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1 KOMMENTAR

  1. Hallo Herr Treppenhauer,

    leider erhalte ich seit ca. 12 Jahr keine Empfelungen mehr. Es würde mich freuen, wenn Sie es ermöglichen, dass ich wieder in Ihrem Verteiler erscheine.

    Im voraus schon mal herzlichen Dank

    MfG

    Karl-Ernst Dreier

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