Ein Kurztrip in die Champagne: Zu Gast bei Gosset

1

Ich denke meine Leser teilen diese Meinung: Wenn eine Einladung in die Champagne ins Haus flattert, sollte man nicht zweimal überlegen und schnellstens zusagen. So getan, als mich unlängst das prestigeträchtige Champagner-Haus Gosset zu sich einlud und mir damit die Möglichkeit verschuf, auch meine Leser in Champagner-Laune zu versetzen. Gosset ist zwar nicht das älteste Champagner-Haus, jedoch das älteste Weinhaus der Champagne – bereits 1584 von Pierre Gosset gegründet. 1994 kaufte die Firmengruppe Renaud-Cointreau die Marke Gosset samt Anwesen und seither führt Jean-Pierre Cointreau das Haus. Für die jährlich rund ein Million produzierten Flaschen zeichnet allerdings traditionell der Kellermeister verantwortlich. Doch mit Jean-Pierre Mareigner, immerhin seit 33 in dieser Funktion bei Gosset, verstarb im Mai dieses Jahres jener Meister seines Fachs, der die überragende Qualität der Champagner von Gosset persönlich garantierte. Er stand nicht zuletzt für die Überzeugung, dass sein Champagner erst nach frühestens 3 1/2 Jahren in den Verkauf gelangt und nicht etwa schon nach der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestreife von 15 Monaten.
— Bitte beachten Sie auch die unten stehende Fotogalerie mit weiterem Text —

Neben der persönlichen Trauer stellt ein solcher Verlust recht schnell die Frage nach der geeigneten Nachfolge. Hierbei war zwar zunächst keine Eile geboten, denn derzeit lagern etwa fünf Million Flaschen Champagner im Gosset-Keller, die noch die Handschrift von Jean-Pierre Mareigner tragen und erst über die nächsten Jahren auf den Markt kommen. Dennoch sollte schnell ein geeigneter Kandidat gefunden werden, um im Keller und im Weinberg die besondere Stilistik von Gosset fortzusetzen.

Mit Odilon de Varine übernahm diese verantwortungsvolle Aufgabe der langjährige Geschäftsführer von Gosset und ich durfte während meines Aufenthaltes erleben, was für ein erfahrener, visionärer und sympathisch bodenständiger Kellermeister er ist.

Arbeitsscheu darf ein Mensch in dieser Position sowieso nicht sein, denn – wie für fast alle Champagner-Häuser – gilt auch für Gosset: Man besitzt keine Weinberge, sondern kauft stattdessen den frisch gepressten Most bei den Winzern der Region ein.

So arbeitet Gosset mit rund 200 unterschiedlichen Produzenten zusammen. Eine beeindruckende Zahl, die noch mehr Respekt abverlangt, wenn man weiß, dass der Kellermeister eines Champagner-Hauses auch Einfluss auf die Arbeit im Weinberg seiner Vertragspartner nimmt. Der Job spielt sich daher nicht nur im Keller ab, sondern vor allem auch vor Ort in den zahlreichen Cru-Lagen.

Apropos Cru: In der Champagne existieren über 200 Weinberge, die als „Cru“ klassifiziert sind und von mehreren tausend Winzern bewirtschaftet werden. Mit anderen Worten, die verschiedenen Cru-Lagen gehören nicht einzelnen Produzenten, sondern sind in zahlreichen Parzellen unterteilt. Für Gosset bedeutet dies: Mit seinen 200 Produzenten auf insgesamt 70 Cru-Lagen zusammenzuarbeiten.

Innerhalb der Crus gibt es nochmals drei Qualitätsstufen: 150 Rebflächen tragen einfach nur die Bezeichnung Cru ohne jeden Zusatz, 44 Premier-Cru-Lagen und 17 Grand Crus bilden die Spitze der Qualitätspyramide.

Insgesamt verteilt sich die Rebfläche in der Champagne von 34.000 Hektar auf knapp 15.000 Winzer. Dabei hat sich die Rebfläche seit 1957 nicht mehr verändert, auch wenn das Spekulanten und Nachwuchs-Winzer gern anders sähen. Tradition verpflichtet dann eben doch und so lässt sich die Region nicht einfach erweitern. Selbst wenn sich damit garantiert ein lukratives Geschäft verbindet.

In der Champagne werden die Reben übrigens im Vergleich zu anderen Weinregionen auf eher niedriger Höhe angebaut. Zum einen ist die Champagne einfach nicht sehr hoch gelegen, zum anderen würde es den Trauben auf über 250 Meter einfach zu kalt, um noch vollständig reifen zu können. Wir sind hier schließlich nicht in Südfrankreich.

IMG_4458Nach dem weißen Chardonnay ist die rote Rebsorte Pinot Noir die „Nummer 2“ in der Champagne. Und das liegt nicht etwa nur an den roséfarbenen Champagnern, sondern ist der Tradition geschuldet, selbst rote Trauben in der Champagne in der Regel weiß zu keltern, also auf Schalenkontakt komplett zu verzichten. Dies gilt auch für die ebenfalls rote Sorte Pinot Meunier.

Gosset produziert seine Champagner zwar an zwei Standorten, doch werden die meisten Champagner nach wie vor im Haupsitz in Épernay hergestellt – der Champagner-Hauptstadt schlechthin.

In der Champagner-Kapitale zählt Gosset noch zu den kleinen Häusern auch wenn die Produktionszahlen zunächst anderes vermuten lassen. Doch ist beispielsweise der Luxuskonzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) dagegen ein marktbeherrschendes Schlachtross. Mit seinen Champagner-Marken Ruinart, Mercier, Dom Pérignon, Veuve Clicquot, Krug und dem Marktführer Moët & Chandon repräsentiert LVMH mehr als 30 Prozent der kompletten Champagner-Produktion – Tendenz steigend. In Flaschen ausgedrückt entspricht dies einem Verkauf von über 60 Millionen Flaschen jährlich. Ein Milliarden-Geschäft!

Apropos Geschäft: Champagner genießt bereits seit Jahrhunderten einen exzellenten Ruf. Dies hat über die Jahre dazu geführt, dass die begrenzte Rebfläche hoch gehandelt wird. Ein Hektar kostet nicht selten eine Million Euro und mehr. Obgleich die großen Champagner-Häuser durchaus über das Kapital verfügen, mehr Land zu kaufen, gibt es eben kaum Rebfläche, die zum Verkauf steht. So befinden sich die Landeigentümer in einer sehr auf Nachfrage ausgerichteten Lage.

Das schlägt sich natürlich auf die Preise für den angebotenen Most nieder. So zahlt ein Champagner-Haus für einen Kilogramm gepresster Trauben aus einer Grand-Cru-Lage mindestens satte acht Euro. Zu diesem Zeitpunkt ist mit diesem Most noch rein gar nichts passiert. Keine Vinifizierung, keine Fassreife, kein Lagern auf der Hefe, kein Rütteln, kein gar nichts.

Aber warum wird Champagner dann beim Discounter mittlerweile für unter 15 Euro angeboten? Auch hierauf habe ich eine Antwort bekommen: Die Trauben werden nicht nur einmal, sondern zweimal und häufig sogar dreimal gepresst. Der Most, der aus diesen Pressungen gewonnen wird, verfügt lange nicht mehr über die Qualität der Erstpressung und wird daher deutlich günstiger abgegeben.

Champagner darf dann trotzdem auf der Flasche stehen, doch ist die Qualität den Premium-Schaumweinen deutlich unterlegen. Qualität hat eben seinen Preis und in der Champagne einen vergleichsweise hohen – wie auch die Fotogalerie noch einmal erklärt.

Zu kaufen gibt es die Champagner von Gosset zum Beispiel hier.

1 KOMMENTAR

  1. Soso eine Champager-Empfehlung für 140,00 €. Der mag sehr gut sein, doch sprengt er nicht deutlich das Budget der meisten Wein-Trinker? Und dan auch noch ein Mix aus 200 verscheidenen Anbaugebieten?
    Da lobe ich mir die „echten“ Winzer-Champagner, die für den „Aldi“-Preis gute Qualität liefern. Jedes jahr besuche ich 3-4 dieser (noch) eigenständigen Produzenten. Wie wäre es mal mit einer Champagner-Probe bei denen?

Kommentar hinterlassen