Von Baumhäusern und Big Playern

Zum Ende der Dienstreise geht es hoch hinaus und um einen ganz Großen

Alles knarrt. Sobald der Wind durch die Äste fährt, wenn wir nur kurz vom Tisch aufstehen und auch später bei jeder Drehung im Bett: alles knarrt. Ansonsten ist Stille und Dunkelheit. Die letzte Nacht der Dienstreise bringt uns hoch hinaus, ungefähr vier Meter, in eines der Baumhäuser der Domaine Saint-Jean de l’Arbousier

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Im Schein der Campinglampe sitzen wir bei einer Flasche 2015er Gourmandise, die uns Hausherr Nicolas Viguier quasi auf das Zimmer gestellt hat. Gleich unterhalb des Baumhauses erstrecken sich die Rebflächen, auf denen der Wein gewachsen ist. Diesen Himmel haben die Reben gesehen, diesem Wind stand gehalten und 300 Tage Sonne abbekommen, wie Nicolas zuvor erzählt. Aber ob sie auch das Knarren des Baumhauses hören, das Klingen, wenn die Gläser zusammenstoßen?

Baumhaus mit Blick auf die Weinberge: Insbesondere für Weintrinker mit Kindern ein toller Übernachtungsort

Domaine Saint-Jean de l'Arbousier: Von einem, der weiß, was er will

Nicolas Großvater erwirbt die Domaine und beginnt mit dem Wein. Die Eltern – seine Mutter war die erste Frau, die in der Gegend die Winzerprüfung ablegte – bauten das Geschäft aus, doch es ist dann Nicolas, der nochmals ordentlich Schwung in den Laden bringt. Wortwörtlich, denn Ausbau und Neugestaltung des Hofladens sowie die großzügig erweiterten Öffnungszeiten gehen auf seine Initiative zurück. Mittlerweile hat der Direktverkauf ab Hof das Exportgeschäft deutlich überholt und macht 50 Prozent des Absatzes aus.

Rund 40 Hektar Rebfläche zählt die Domaine Saint-Jean de l’Arbousier. Die Weingärten sind so gelegen, dass sich im Sortiment Weine aus den drei AOP Languedoc, Grès de Montpellier und Saint-Drézéry sowie IGP Pays d’Oc wiederfinden. Ihren Namen leitet die Domaine von den Erdbeerbäumen ab – französisch „Arbousier“ – die um das Gutshaus stehen. Die Früchte geben eine wunderbare Marmelade ab, allerdings sind die Erntemühen recht groß, so dass noch nicht einmal in Nicolas’ Hofladen ein Glas „Confiture d’Arbousier“ zu finden ist. Die Bio-Zertifizierung von Saint-Jean de l’Arbousier ist ebenfalls eines der Projekte, die der umtriebige Sohnemann angestiftet hat. Und auch das eine Erfolgsgeschichte, denn für den Export ist das Zertifikat mittlerweile zum wichtigen Argument geworden. Aber die Weinwahrheit ist immer im Glas, Bio-Siegel hin oder her.

Domaine Saint-Jean de l'Arbousier – die Weine

Ausschließlich Bioweine verkosten wir bei der Domaine Saint-Jean de l’Arbousier. Und bereits der erste Wein, der weiße „Gourmandise“, hinterlässt Eindruck. Marsanne, Roussane, Grenache Blanc, Viognier und Rolle ergeben wir hier ein sehr feines Gesamtbild. Vor allem die Säure ist hier gelungen integriert und verleiht dem Wein eine gute Frische. Und das ist in der Gegend einfach eine gewissen Herausforderung.

Und auch der Rosé aus Grenache Noir und Cinsault gibt eine sehr gute Figur ab. Es ist kein „Swimming Pool Rosé“, sondern kommt etwas ernsthafter daher. Für mich sind solche Rosé ideal fürs Grillen auf der sommerlichen Terrasse.

Die Rotweine wollen dagegen nicht vollends überzeugen. Nicht weil sie per se schlecht sind, sondern weil sie gewisse Unausgewogenheiten besitzen. Der „L’Insolite“ ist mir in Sachen Struktur etwas zu einfach gestrickt und der „L’Inattendu“ verfügt über ein etwas problematisches Zusammenspiel zwischen Säure und Tanninen.

Das alles ist aber Klagen auf hohem Niveau und beweist, dass wir in den letzten Tagen einfach viele, sehr gute Weine trinken durften.

Nicolas Viguier ist ein Mann mit vielen Ideen: Zum Beispiel eine Holzkiste mit Magnum-Flasche, die sich zum Vogelhäuschen umgestalten lässt

Domaines Paul Mas: Vorsicht Vorurteil

Der Kontrast zur nächsten und letzten Station der Dienstreise könnte kaum größer sein. Nach dem Idyll des Baumhauses wechseln wir hinüber in die Welt der ganz großen Player im Languedoc. Wir nähern uns Montagnac von der Abbey de Valmagne (siehe Infokasten) kommend über die Route de Villeveyrac (D 5). Der dezente Plural auf dem ersten Hinweisschild macht klar, dass es nun um ein Unternehmen geht und nicht ein einzelnes Weingut: Domaines Paul Mas.

Über 600 Hektar eigene Rebflächen nennt das Weinimperium sein Eigen, weitere 1300 Hektar sind über Pacht oder Verträge an die Domaines Paul Mas gebunden. Und damit der großen Zahlen nicht genug: Die zwölf Domaines versteht man bei Paul Mas als zwölf Weinmarken, deren gesamtes Sortiment für jeden spezifischen Weinmarkt etwas dabei hat. Immerhin 140 unterschiedliche Cuvées, so Monsieur Jean-Claude Mas himself, stehen hinter diesem Sortiment, das vom Roussillon und Limoux im Süden über Corbiéres und Minervois bis in den Norden der Languedoc reicht. Und eine letzte Zahl, die ebenso viel über die Domaines Paul Mas wie über den Languedoc zum Ausdruck bringt: 40 unterschiedliche Rebsorten vinifiziert das Unternehmen in seinen Kellereien. Selbst ein Riesling ist darunter!

Fast unscheinbar wirkt die Schaltzentrale des Wein-Imperiums Domaines Paul Mas

Nach dem Rundgang durch das Côté Mas samt Restaurant und Ferienhäuser sowie durch die Edelstahl bewehrte Kellerei machen wir uns an die Verkostung. Jean-Claude Mas postiert sich mit uns auf der einen Seiten der halbkreisförmigen Theke: darauf das Defilee der 48 Weine, dahinter zwei Mitarbeiter, die ausschließlich mit dem Öffnen der Flaschen und dem Ausschenken beschäftigt sind. Jetzt gibt es Wein nahezu im Minutentakt.

Die Größe des Weinunternehmens Paul Mas sollte aber keine Vorurteile nähren. Auch in solchen Maßstäben entstehen gute Weine und insbesondere mit Blick auf das Preis-Genuss-Verhältnis ist ein unvoreingenommener Gaumen gefragt. Am Ende erinnert es ein wenig an Aschenputtel und das Sortieren der Linsen.

Jean-Claude Paul Mas weiß, was er will und wirkt professionell abgeklärt

Domaines Paul Mas – die Weine

48 Weine sind ein straffes Programm für einen 17-Uhr-Termin, aber wir sind ja nicht (nur) zum Spaß hier. Und außerdem mag ich diese schnell durchgetakteten Proben irgendwie. Nicht lange überlegen, sondern sofort entscheiden und eine Meinung bilden. Das funktioniert recht gut für mich, das habe ich schon bei meinem Châteauneuf-du-Pape-Projekt „Le Laquais“ gemerkt.

Bei Paul Mas trinken wir uns quer durch das gesamte Sortiment, wobei es müßig wäre alle AOPs, IGPs und Pays d’Oc aufzuzählen, die wir ins Glas bekommen. Das Wichtigste: Hier hat Masse trotzdem Klasse. Denn es sind nicht hohe Produktionsmengen, die bei Paul Mas taktgebend sind, vielmehr hat man so viele Domaines im Portfolio, dass sich die Weinanzahl einfach „läppert“.

Mir gefallen direkt zwar Weißweine sehr gut. Der 2016er Viognier „Esprit“ ist für rund 7,50 Euro wunderbar aromatisch und portraitiert die Rebsorte wunderbar. Der 2015er „Soleil Blanc“ der erst kürzlich zugekauften Domaine Lauriga besteht zum Großteil aus Grenache Blanc und gefällt mir ebenfalls hervorragend. Vor allem durch seine Feinheit und Eleganz.

Bei den Rotweinen gibt es ebenfalls tolle Qualitäten und wir verkosten auch die wirklichen Premiumweine. Jean-Claude Mas versteht einfach sein Handwerk!
Doch ein Wein lässt mich aufgrund seines günstigen Preises besonders staunend zurück: Der „Claude Val“ ist ein typisches Cuvèe der Gegend und kommt völlig holzfrei daher. Dadurch wirkt er unwahrscheinlich aromatisch, verfügt aber über eine ausreichende Struktur, um auch beim Essen bestehen zu können. 7 Euro soll der Wein nur kosten und verfügt sogar über eine Biozertifizierung. Preis-Genuss-Verhältnis at its best!

Das war sie, die letzte Station der Dienstreise. Begonnen haben wir im Roussillon und uns über Schlenker durch das Hinterland und entlang der Mittelmeerküste fast bis an die Rhône hochverkostet. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung an die Côtes du Rhône, wo uns vor zwei Jahren die erste Dienstreise hinführte. In einem gewissen Sinne schließt sich damit ein Kreis, gewiss ist aber auch: Es wird nicht der letzte sein.

Zum Abschluss der Dienstreise gilt es nochmals ein anspruchsvolles Programm zu absolvieren

Reise-Tipp
Französische Heimat des Wermuts: Noilly Prat

Auf Marseillan als Namenspate für die Rebsorte Marselan sind wir bereits eingegangen. Bekannt ist das kleine Hafenstädtchen jedoch vor allem für den Wermut von Noilly Prat. Seit 1853 residiert das Maison Noilly Prat direkt am Hafen. Nur hier bekommt man tatsächlich alle Wermut-Sorten des Hauses zu kosten, während man in Deutschland eigentlich nur den „Extra Dry“ kennt. Eine Führung durch das Maison Noilly Prat samt einer Verkostung sind das ideale Kontrastprogramm für vagabundierende Weinliebhaber. Die Tickets sind über die Website zu buchen.

Mehr über die Geschichte des Wermuts und das Haus Noilly Prat hat Kollege Adlatus in dem Blog „Auf ein Glas“ veröffentlicht.

La Maison Noilly Prat
34340 Marseillan
1 Rue Noilly

Reise-Tipp
Eine Kirche für den Wein: Abbaye de Valmagne

Die Abbaye de Valmagne war zuvor Zisterzienser-Kloster und Bischofssitz, als 1839 der Grafen von Turenne erwirbt. Seine Nachfahren führen bis heute das 56 Hektar große Weingut und erhalten die historischen Gebäude. Wer eine Kirche sehen will, die inzwischen dem Wein geweiht ist, wer große Fässer sehen will, die den Platz von Kirchenbänken einnehmen, kommt an einem Besuch der Abbey de Valmagne nicht vorbei.

Nicht nur der Kreuzgang und der Innenhof mit seinem bezaubernden Brunnen machen die Visite empfehlenswert. Auch die Weine der Abbey de Valmagne – AOP Coteaux du Languedoc und Grés de Montepellier – laden zum stillen Genießen und weitläufiger Meditation ein.

Abbaye de Valmagne
34560 Villeveyrac
Tel. + 34 (0) 467 78 06 09
EMail-Adresse
Website

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