Mal edel, mal wild: wo man Wein und Urlaub macht

Weiter geht es durch Château & Dorf, über Kanal & Fluss

Auf unserer Fahrt in Richtung Norden passieren wir den Canal du Midi. Der Wasserweg verbindet Sète an der Küste mit Toulouse, wo er in den Canal de Garonne übergeht. Diese direkte Verbindung zwischen Atlantik und Mittelmeer, zwischen Bordeaux und dem Languedoc war nach der Eröffnung 1681 auch für den Weinhandel von großer Bedeutung. Wir durchqueren das kleine Städtchen Capestang und finden problemlos weiter zum Château les Carrasses. Das Château ist Weingut, aber auch eine Top Adresse, wenn es um den Weintourismus im Languedoc geht. Zudem reiht sich Château les Carrasses ins Weinimperium von Vignobles Bonfils, das 17 Châteaus im Languedoc und im Roussillon sowie drei Weingüter im Bordeaux sein Eigen nennt.

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Château les Carrasses: Rundum-Sorglos-Paket

Doch zunächst lassen wir uns von Lea Begault das Château zeigen. Wir treffen uns mit der quirligen Hotel-Managerin an der Orangerie vor dem Haupteingang. Deren Umrisse finden sich im Logo von Château les Carrasses wieder – immerhin hat Gustave Eiffel den großen Wintergarten konstruiert. Als wir durch die Suiten schreiten, die umgebauten Nebenhäuser besichtigen, merken wir nicht zum ersten Mal auf dieser Dienstreise: Hier versteht man sich darauf, in alten Schmuckstücken moderne Interieurs zu zaubern.

Immer mit Fingerspitzengefühl und klarer Geste, aber niemals gewollt oder übertrieben, eben als Ausdruck eines savoir vivre. Allein als uns Lea die Orangerie und das Château als perfekte Hochzeits-Location anpreist, geraten wir prüde ins Grübeln.

Die Verkostung im Keller des Châteaus will erst verdient sein. Wir ziehen noch eine große Runde durch den Park und laufen ein Stück die Straße zurück, um die Rebflächen zu besuchen. Strahlende Sonne und blauer Himmel säuseln munter Frühling als wir auf der Dachterrasse stehen und den Rundumblick werfen: So schnell geraten die Gedanken ins Schwärmen, so sehr schmeichelt das Augenscheinliche der Phantasie.

Für uns geht es hinab in den Keller, wo wir uns mit Ketty Fort, die bei Bonfils im Export arbeitet, an die 16 Weine der Verkostung machen. Beileibe nicht alle, die Bonfils aufbieten kann, aber genug um Stil und Qualität einschätzen zu können.

Reise-Tipp
Minerve: Stippvisite bei den Katharern

Der Ort liegt auf einem Felsen zwischen den Flüssen Brian und Cesse und ist nur über ein schmale Brücke zu erreichen: typisch für die Katharer, die als verfolgte christliche Glaubensgemeinschaft den Zorn des katholischen Papstes und des französischen Königs zu fürchten hatten. Mit strategischer Vorliebe zog es sie daher an abgelegene Orte, die sich aufgrund ihrer natürlichen Lage gut verteidigen ließen. Minerve ist so eine Mischung aus Festung und Dorf und man nähert sich besser ganz bedächtig, denn jede Kurve der Landstraße D 10 bietet einen neuen beeindruckenden Blick. Es braucht keinen Stadtplan in Minerve. Einfach über die Brücke zu Fuß hinüber und irgendwie durch die Gassen bis hoch zur Kirche Saint-Ètienne kreuzen. Den Ausblick darf man sich nicht entgehen lassen und sollte dabei nicht vergessen, dass die wehrhafte Lage den armen Katharern nichts nutzte. Minerve wurde 1210 von den katholischen Franzosen eingenommen und 140 seiner Bewohner hingemetzelt.

Bonfils hat so einiges auf Lager

Château les Carrasses – die Weine

Wir trinken uns quer durch das Bonfils-Sortiment und bekommen dadurch nicht nur Wein von Les Carrasses in die Gläser. Hier ist von La Clape und Corbières bis hin zu Languedoc Controllé Weinen so ziemlich alles dabei. Die Qualität stimmt – insbesondere vor dem Hintergrund, dass einige der Weine im Supermarkt verkauft werden. Mit hat es besonders der Corbierès Château Vaugelas „V“ angetan. Carignan, Grenache, Syrah und Mourvèdre lassen einen sehr opulenten Wein mit schöner, dunkler Beerenfrucht entstehen, der im Abgang wohltuend sanft ist. Ein klasse Wein und ein sicherer Kandidat für unser Blind Tasting.

Die Strecke bis zum nächsten Etappenziel wirkt länger als es die Kilometerzahl verrät. Die Landstraßen sind wieder schmaler und die Dörfer kleiner, was der in Hügel gewellten Schönheit der Landschaft sehr entgegenkommt. Kurz bevor wir nach Assignan gelangen, passieren wir eine Stelle, wo die Straße nach einer Überschwemmung zur Furt eines Baches geworden ist. Erst im Nachhinein erscheint es uns, als hätten wir mit der Passage an der Furt eine andere Sphäre betreten, deren besonderer Charakter sich jedoch erst in Assignan offenbarte.

Château Castigno: kommunitärer Geist aus der Flasche

Erwartet haben wir ein Weingut – das Château Castigno – vorgefunden haben wir ein alternatives Projekt, das mit Weinen und Feriengästen ein ganzes Dorf wiederbelebt. Aber alles beginnt mit dem Wein und einem belgischen Self-Made-Man, der unbeirrbar seinen Traum verfolgt. Der Industrielle ersteht zunächst das Château, das allerdings einer gründlichen Renovierung bedarf, samt der Rebflächen, die ebenfalls etwas mehr Pflege vertragen könnten. Während der Zeit des Umbaus und der Arbeit in den Weingärten will er aber dabei sein, schon jetzt Zeit in Assignan verbringen. Also kauft er ein Haus im Dorf, wo er mit seiner Familie wohnt. Als sie in das Château umziehen, wird das Haus zur Unterkunft für Freunde. Was als Provisorium gedacht war, wird nun zum Konzept. Das Haus wandelt sich zum Guest House, weitere Häuser im Dorf folgen – inzwischen sind es 14.

Doch mit den Ferienunterkünften ist es nicht genug: Tapas-Bar, Thai-Restaurant, Weinschule … Stück für Stück entsteht in dem Dorf eine neue Infrastruktur. Erste Urlauber werden zu Stammgästen, andere kaufen selber in Assignan ein Haus, das Projekt entwickelt eigene Dynamik. Gleichzeitig schwebt ein leicht kommunitärer Geist über dem Dorf und ein unbändiger Gestaltungswille. Alle Häuser, die im Dorf zum Projekt zählen, erkennt man an der rotweinfarbenen oder lilanen Fassade. Auch bei der Einrichtung der Gästehäuser ist das Thema Wein präsent – sogar in seiner Nutzung als Wandfarbe. Bis ins Detail erhält jedes Zimmer, jedes Haus seinen eigenen Charakter ohne den gemeinsamen Stil zu verlassen.

Das Örtchen Assignan ist malerisch und eine rote Ente steht für Ausflüge zur Verfügung

Château Castigno – die Weine

Bei den Weinen von Castigno überzeugen nicht nur die ausgesprochen hübschen Etiketten, sondern vor allem auch die Tatsache, dass es von den Rotweinen auch etwas ältere, gereifte Flaschen im Angebot gibt. So kommt von dem „Secret de Dieux“ einen 2012er ins Glas, der mich sprachlos zurücklässt. Für unter 15 Euro liefert der Wein mit Carignan, Syrah und Grenache ein Gesamtpaket, das nicht nur exzellent ist, sondern sich genau jetzt auf dem Höhepunkt befindet und dies auch sicher noch 2–3 Jahre so verkörpern wird.

Für knapp die doppelten Kosten stellt der „Château Castigno“ das Flaggschiff des Weingutes dar. Wir trinken ihn aus dem Jahrgang 2011 und ich notiere „einer der besten Weine bisher“. Er macht alles nochmal eine Spur körperreicher, aber zugleich eleganter als der „Secret“ und befindet sich ebenso in idealem Reifezustand. Ich wünsche mir mehr Weingüter, die es sich leisten können ihre Weine bis zur optimalen Trinkreife „liegenlassen“ zu können.

Ganz klar: beide Weine kommen mit.

Nach der Verkostung und dem Besuch der Weingärten gibt es ein wenig Auszeit im Rotwein getünchtem Zimmer. Wir sortieren noch einmal die Eindrücke des heutigen Tages, schreiben erste Skizzen und lichten den Fotowust. Gut so, denn für den Abend mit Elsa und Pablo braucht es noch einmal alle Aufmerksamkeit. Die beiden betreiben die Tapas-Bar am zentralen Platz von Assignan und öffnen extra für uns ihre Türen. Elsa, kommt von der Insel Réunion, ihr Mann Pablo, der in der Küche steht, stammt aus Uruguay. Er verdiente sein Geld zuvor als Werbefilmer in Montevideo, sie ist studierte Philosophin, für beide ist das Leben und Arbeiten in Assignan ein echter Neustart im Leben gewesen. Ihr Glück perfekt macht ein dreijähriger Rabauke, den wir an diesem Abend nur mit „Tiger“ anreden dürfen.

Elsa und ihr „Tiger“ zeigen uns Fotos denkwürdiger Abende in der Tapas Bar „La Petite Table“

Zum Essen gibt es den „Secret des Dieux“, der uns bei der Verkostung so gefallen hat. Das Essen kommt tatsächlich im Tapa-Format daher, ist aber eher französisch und italienisch geprägt: Wir schwelgen in den kleinen Genüssen. Elsa erzählt uns nun mehr über die Geschichte von Assignan, über „the rebirth of a dream“, wie es im selbstverständlich weinfarbenen Prospekt heißt. Erst jetzt verstehen wir den engeren Zusammenhalt, all der Leute, die hier arbeiten und eine friedliche Weltgemeinschaft im kleinen abgeben. Eine englische Freundin und ihr niederländischer Mann stoßen noch hinzu, er macht in Oldtimern, sie sucht professionell Drehorte für Filmproduktionen. Man kennt sich, lange, und wir würden gern dabei sein, wenn im Sommer der ganze Platz voller Tische ist, an denen Menschen es sich gut gehen lassen und den besonderen Spirit dieses Ortes genießen. Es dauert ein wenig, bis uns dieser Spirit den Weg zurück ins Guest House finden lässt. Um so besser lässt er uns schlafen und dem nächsten Tag entgegenträumen.

Reise-Tipp
Village Castigno in Assignan: ein gut gehütetes Geheimnis…

… behaupten zumindest die Macher des Hotspots für alternativen Tourismus im Languedoc. Aber es hat schon seinen Grund, warum ein kleines, abgelegenes Dorf zwei Restaurants, eine Tapas- und Wein-Bar sowie Kunst-Galerie, Töpferwerkstatt und so manches mehr zu bieten hat. Vom Weingut Château Castigno ganz zu schweigen.

Ab Mitte April bis in den Oktober hinein ist Saison in Assignan. Ein Platz in den Ferienhäusern und Gästezimmern sollte möglichst früh gebucht werden, denn dem Geheimnis Assignan sind immer mehr Weinfreunde und Frankreichliebhaber mit Sinn für das Außergewöhnliche auf der Spur. Aber auch für einen Tagesausflug oder ein Abendessen bietet sich der Trip ins wiederauferstandene Dorf an.

34360 Assignan
Tel. + (33) 467 38 05 50
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