Blowing in the wind: auf (w)einsamen Wegen im Corbières

Von Familien und Kooperativen in blühenden Landschaften

Die Strecke ist ganz nach unserem Geschmack und führt schnell hinaus ins Abgelegene der Landschaft. Die Sonne zeigt sich frühlingshaft charmant und bald schon gehört die Landstraße dem Dienstreisemobil ganz allein. Wir passieren kleine Ortschaften, rauschen vorbei an in Gelb getünchten Feldern. Es ist die Zeit, in der die Senfrauke – rouquette moutarde – auf Wiesen und zwischen dem Wein blüht und sich für eine kurze Frist zum botanischen Hingucker des Corbières aufschwingt.

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Wir sind auf dem Weg nach Ribaute zum Château Cicéron, das gemeinsam mit dem Château Saint Auriol, dem Château Vialade und Château Montmija einen der großen Weinproduzenten der Region bildet: Les Domaines Auriol. Der Name hat Klang in der Gegend, und der seiner Besitzerin, Claude Vialade, noch viel mehr. Erst im März diesen Jahres zeichnete sie das Weinmagazin „Selection“ als beste französische Winzerin aus. Es ist nicht der erste Titel dieser Art, der sich in die Biographie von Claude Vialade fügt.

Château Cicéron: Der steinige Boden sorgt in der Theorie für Frische und Mineralität in den Weinen.

Château Cicéron: Rebsorten-Laboratorium und Corbières-Connection

Ein wenig Verdienst daran haben sogar die deutschen Grünen. Sie waren für Claudes Vater Jean wichtige Impulsgeber, als er Mitte der 1980er Jahre daran ging, die Rebflächen der Kooperative von Ribaute auf biologischen Anbau umzustellen. Das Ergebnis der Corbières-Connection war letztlich die erste Biowein-Kooperative Europas. Tochter Claude folgt dieser Philosophie mit großem Erfolg und in noch größerem Maßstab. Neben den eigenen Weingütern kaufen Les Domaines Auriol auch Trauben bei den Kooperativen vor Ort und weiteres Lesegut erhalten sie aus einem eigens ins Leben gerufenem Partnernetzwerk, das junge, biologisch arbeitende Winzer unterstützt. Immerhin liegt die Jahresproduktion der Domaines Auriol bei über 10 Millionen Flaschen.

Château Cicéron ist das experimentell ausgelegte Weingut im Reigen der Châteaus. Hier werden im „Jardin des Vignes“ neue Rebsorten kultiviert und auf ihre Tauglichkeit für den trockenen Corbières getestet. Neben Cabernet Franc und dem eigentlich hier heimischen Marselan stehen in der Rebanlage beispielsweise auch Albariño und Verdejo.

„Wir müssen lernen, mit noch weniger Wasser auszukommen, auch angesichts des Klimawandels“, kommentiert Séverine Nougue-Lassere, die uns durch die Weingärten führt. Denn eines, so ergänzt sie lächelnd, sei im Corbières sicher, hier habe man 250 Tage Sonne im Jahr und 300 Tage Wind.

Château Cicéron – die Weine

Die verkosteten Weine waren insgesamt gesehen etwas problematisch. Zum einen begeistern mich Konzepte wie alkoholreduzierte Weine mit 9% Alkohol ganz und gar nicht. Und hier hatte ich es zum Einstieg sowohl mit einem Weißen als auch mit einem Rosé zu tun. Nicht, dass ich mir per se mehr Alkohol wünsche, aber die abgespeckte Variante geht einfach geschmacklich nicht auf. Die Weine wirkten künstlich, seltsam süßlich und irgendwie gänzlich nicht wie Wein.

Die neun folgenden Weine waren glücklicherweise naturbelassen und brachten schon eher Trinkfreude, wenn auch nicht so richtig. Die Grundproblematik stellte die Tatsache dar, dass fast alle Weine über zu wenig Frische verfügten. Dies zeigte sich am krassesten bei dem ausgeschenkten Pinot Noir. Diese Rebsorte verlangt nach Säure und wird für mich unerträglich, wenn diese fehlt. So hat mich eigentlich nur ein Wein überzeugt. Der „Les Premières Vignes de Ciceron“ ist ein 2014er AOP Corbières und markiert die Spitze des Sortiments. Der Wein verfügt über eine schöne Frucht,  eine gute Struktur und eben auch über ausreichend Frische. Leider ist er aber in Sachen Preis-Leistung eher schwierig. So ziehen von hier leider ohne Muster weiter.

Thomas Verdeil ist als Önologe für die Weine bei Ciceron verantwortlich

Reise-Tipp
Mas Latour Lavail: Traditionelles Landhaus mit Design Charme

Zwischen Rivesaltes und Perpignan in ländlicher Umgebung gelegen, bietet sich das Mas Latour Lavail als Ausgangspunkt für Entdeckungsreisen in das Roussillon an. Geschmackvoll eingerichtete Zimmer,  SPA-Bereich und Swimmingpool im Garten lassen den Gast in diesem „Bed & Breakfast“ wohl fühlen.

Wer will kann das Auto auch mal stehen lassen, denn mit dem Fahrrad kommt man schnell nach Perpignan oder an den nahen Strand. Das Mas Latour Lavail gehört zur Domaine Cazes und wurde 2010 als beste Weintourismus-Location Frankreichs ausgezeichnet.

55, chemin Del Vives
66 000 Perpignan
Tel.: + (33) 673 93 74 30
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Château de Lastours: Wein-Rally mal anders

Unter den 300 windigen Tagen haben wir anscheinend einen erwischt, an dem es besonders pfeifft. Wir stehen auf einer Anhöhe oberhalb des Château de Lastours. Der Blick reicht über die glitzernden Wasser des Étang de l’Ayorolle hinweg bis nach Agde und Sète weit im Norden des Küstenstreifens. Mathieu Billod amüsiert sich über unser Hantieren mit Notizbuch und Fotoapparat, die konzentriert gegen des Windes Tücke verteidigt sein wollen. Erst als er wir ihn bitten, ein Bild von uns zu machen, findet er zu seiner beschaulichen Art zurück. Der Directeur Export chauffiert uns im alten Land Cruiser bergauf, bergab über die rund 850 Hektar des Châteaus. Davon sind 100 Hektar vor allem mit Syrah, Grenache, Carignan, Cinsault und Mourvèdre bestückt. Hinzu kommen noch Olivenbäume, aber auch Windenergieanlagen und … der Motorsport. Doch dazu später mehr.

In dem Tal und den Höhenlagen bauten wahrscheinlich schon griechische Siedler Wein an, für das 12. Jahrhundert ist der Weinbau an diesem Ort urkundlich belegt. Es ist aber noch keine 15 Jahre her, da eine Familie aus dem Bordeaux, weinerfahren und mit viel Geld aus einem Versicherungsunternehmen ausgestattet, die Domaine ersteht und Château Lastours „neu“ erfindet: Klarer Fokus auf die typischen Rebsorten der Region, önologisches Handwerk auf höchstem Niveau, feinste Kellertechnik in moderner Architektur und am Ende ein überzeugendes Sortiment von AOP-Weinen. So lässt sich die Philosophie von Château de Lastours knapp umreißen.

Zimmer mit Aussicht: Hier wird im Keller Naturverbundenheit demonstriert

Zwischen Meer und dem wilden Teil des Corbières gelegen hat das Château mehr als nur landschaftlichen Reiz zu bieten. Weit über 70 unterschiedliche Zusammensetzungen des Bodens hat man auf den 100 Hektar ausfindig gemacht und sie gemeinsam mit der Ausrichtung zur Sonne und der Hanglage zum Kriterium für die Auswahl der neugepflanzten Reben gemacht. Ursache dieser geologischen Vielfalt ist, dass das Tal erst zum Tal wurde, indem die darüber liegenden Schichten mit großer Wucht und Energie „einstürzten“. Das erklärt auch, warum an manchen Stellen der Fels spiegelglatt geschliffen ist.

Aus stürmischen Höhen kehren wir in die neue Kellerei ein, die einer Galerie aus Edelstahltanks gleicht. Zum Tal hin öffnet sich eine Seite mit großen Glasfenstern. „Die Kollegen sollen sehen, wo sie arbeiten, wo der Wein wächst, den sie hier machen“, erklärt Mathieu. Wir schlendern noch durch das eindrucksvolle Fasslager und setzen uns dann zur Verkostung.

Mathieu Billod ist der sympathische Export-Direktor bei Lastours

Ach so, wir sind noch den Motorsport-Exkurs schuldig: Auf dem weitläufigen Gelände findet sich nämlich noch ein Off Road-Kurs, der gern von internationalen Autoherstellern für Tests von neuen Fahrzeugen genutzt wird. Den Ingenieuren wurde sogar ein eigenes Gebäude für die Messeinrichtungen eingeräumt.

Sobald solche Gäste zu Besuch sind, ist es auf dem gesamten Gelände strengstens verboten zu fotografieren, um die Erlkönige nicht zu enttarnen. Da haben wir noch einmal Glück gehabt.

Château de Lastours – die Weine

Stéphane Derenoncourt ist ein renommierter, weltweit agierender Önologe, der sich auch bei Lastours verantwortlich zeichnet. Das merkt man. Alle Weine sind völlig „regelkonforme“ AOP Corbières und so beweist das Weingut einmal mehr, dass es sich den Traditionen der Gegend sehr verpflichtet fühlt. Und wo bei anderen Weingütern ein „IGP-Ausreisser“ qualitativ  gut tut, möchte man bei Lastours gar keine anderen Weine als Corbières trinken. Das Niveau ist sowohl bei den Weißweinen als auch bei den Rotweinen extrem hoch.

Mir haben es besonders zwei Rotweine besonders angetan: Der 2014er Arnaud de Berre mit dem auffällig orangen Etikett und der 2011er Grand Rèserve. In beiden Weinen kommen Carignan, Syrah und Grenache zum Einsatz. Bei dem Arnaud läuft die Vinifizierung völlig holzfrei ab und bei der Rèserve sorgen kleinen Barriques für eine Extraportion Struktur und Lebenserwartung. Beides sind hervorragende Weine, die Corbières aufs allerfeinste repräsentieren. Ich nehme beide Flaschen für die Blindverkostung mit.

So wird’s gemacht: Mit diesem anschaulichen Poster erläutert Château de Lastours die Herstellung von Wein

Château Haut Gléon: Lange Historie und große Zukunft

Nur wenige Kilometer weiter tauchen wir in ein regelrechtes Weinidyll ein. Versteckt auf halber Höhe des Tales der Berre liegt Château Haut Gléon. Das Weingut ist das Schmuckstück der Kooperative Les Vignobles Foncalieu und wird gern für repräsentative Veranstaltungen genutzt. Im Sommer beherbergt das Château auch ganz normale Urlaubsgäste, allerdings sind Plätze an diesem besonderen Flecken Erde sehr begrenzt, da heißt es, rechtzeitig reservieren.

Im Salon des Hauses sind wir mit Audrey Arino, die das Château Haut Gléon betreut, der Export- und Marketing-Chefin Alexandra Ladeuil und dem Sales Manager der Kooperative für Mittel- und Osteuropa, Geoffroy Higueras zum Abendessen verabredet. Für die Verkostung sind 22 Weine vorgesehen, die uns das große Sortiment der Vignobles Foncalieu  etwas näher bringen. Wir starten vor dem Essen, das die Haushälterin und ihre Tochter speziell für uns zubereiten, mit den ersten Weißweinen. Ins Glas bekommen wir heute nur Weine aus dem Languedoc, jedoch hat die Kooperative auch Mitglieder in der Gascogne und an der Rhône. Unter dem Strich kommen so 4.500 Hektar in über 20 verschiedenen Appellationen zusammen.

Unsere Gastgeber haben sich auf die folgende Probe hervorragend vorbereitet

Passend zum aufgetragenen Bœuf Bourguignon beginnt die rote Etappe der Verkostung. Die Runde braucht ein wenig, um auf die rechte Betriebstemperatur zu kommen, aber mit dem Austausch über die Weine bricht das Eis und bald schon gesellen sich mehr Themen aus der großen, weiten Welt des Weines dazu.

Dabei kommt auch das „Atelier Prestige“ von Foncalieu zur Sprache, das außergewöhnliche Weinmacher und Terroirs versammelt und somit die Bühne für die Spitzenweine der Kooperative abgibt. Wir genießen den Abend, da wir mit dem Erreichen der großen Rotweine endlich auf das Ausspucken verzichten dürfen – schließlich verbringen wir die Nacht auf Château Haut Gléon und können das Dienstreisemobil stehen lassen.

Ordentlich aufgetischt: 23 Weine stehen bei Haut Gléon bereit

Château Haut Gléon – die Weine

Hui, 23 Weine der Kooperative Foncalieu kommen an diesem Abend in die Gläser. Nach einem Tag voller Weinproben kann das auch mal anstrengend werden. In diesem Fall allerdings nicht. Ich gebe zu, dass ich in Bezug auf Kooperativen nicht ganz vorbehaltlos bin, aber was hier ausgeschenkt wird ist à la bonne heure.

Der 2014er Chateau Haut Gleon AOP Corbières ist eine wundervoll eleganter Wein mit fantastischer Grazie. Aber auch der Minervois aus dem Zusammenschluss zweier Winzer der Kooperative namens „Le Lien“ beeindruckt mit seinen 80% Syrah durch eine ordentliche Pfeffer-Note. So mag ich meinen Syrah! Diese beiden Weine müssen unbedingt mit und schon jetzt steht fest, dass die Weine das Image von Kooperativen für mich gründlich saniert haben.

Am folgenden Morgen unternehmen wir mit Audrey Arino noch einen Spaziergang durch die umliegenden Weingärten, die gleichzeitig historisches Terrain sind. Bereits zu Zeiten Karls des Großen (747 – 814) ist der Ort bekannt. Da ist das Corbières Grenzgebiet zu Spanien und schließt an die zum Schutz gegen die Araber eingerichtete Spanischen Mark an. Um 1220 entsteht das erste Herrenhaus. Das Gut bleibt bis zur französischen Revolution (1789) Adelsbesitz, geht aber Jahre später wieder an die alten Eigentümer zurück. Die können ihr Glück nicht lange genießen, da revoltierende Dorfbewohner den Marquis de Haut Gléon und seinen Sohn 1830 tot einfach tot schlagen. Die Witwe verkauft das Landgut an die Familie Bonnes, von der 1991 ein Mitglied der Kooperative Château Haut Gléon erwirbt.

Es ist ein sonniger Tag und das Blau des Himmels macht das Idyll perfekt. Gern hätten wir noch mehr müßige Zeit auf Haut Gléon verbracht, zu reizvoll dieser Ausblick, zu verführerisch, die Ruhe und der besondere Duft in der Luft. Aber das Programm der Dienstreise ist unerbittlich.

Reise-Tipp
Abbaye Fontfroide: 1000 Jahre Gastfreundschaft

Wenn ein Ort mit diesem Slogan wirbt, fühlt man sich gleich eingeladen. Die Abbaye Fontfroide ist ehemaliges Kloster, Weingut, Restaurant, Ausflugs- und Event-Location in einem – dort kann man auch mal einen halben Tag verbringen. Unbedingtes Muss ist die Besichtigung des Klosters und ein Gang durch die Gärten und den Park.

Die Abbaye Fontfroide ist seit 1908 in Privatbesitz, war erst privater Familiensitz und Künstlertreff, bis man die Tore nach dem Zweiten Weltkrieg für die Allgemeinheit öffnete. Empfehlenswert auch das Restaurant, wo man selbstverständlich den Wein der Abbaye Fontfroide probieren sollte – insbesondere den „Deo Gratias“.

Landstraße D 613, in Richtung Lézignan-Corbières
Telefon Empfang : + (33) 4 68 45 11 08
Telefon Restaurant : + (33) 4 68 41 02 26
Website

1 KOMMENTAR

  1. Das macht Appetit auf mehr. Bin bald in der Gegend und werde direkt mal einen Besuch bei ABBAYE DE FONTFROIDE an Pfingsten einplanen. Da gibts auch ne interessante Veranstaltung (Les Vieux Métiers d’Antan)
    Ich bin gespannt auf weitere Tips.

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