Tag 2: Drei Familien, drei Weingüter, drei Konzepte

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Am zweiten Tag führt die Dienstreise durch das Val di Pesa

Im Sommer, erzählt uns der Mann hinter der Theke, führe der Pesa kaum noch Wasser, dann sei er nahezu verschwunden. Aber nach den Regenfällen im Spätherbst melde er sich mit aller Macht zurück und verwandele sich zum reißenden Gewässer. Der nun munter daherströmende Fluss hat also seine Tücken, lernen wir in dem Frühstückscafé bei einem Caffè Americano und dem wunderbaren mit Creme gefüllten Cornetto. Wir haben uns schon früh aufgemacht, um rechtzeitig in San Casciano di Pesa beim Weingut „Castelvecchio“ einzutreffen. Bereits der erste Tag hat uns gelehrt, dass in dieser Hügellandschaft 25 Kilometer eben nicht in 30 Minuten zu schaffen sind – die Landschaft fordert ihren Tempotribut, und wir passen uns an, indem wir heiter schauend durch die winterliche Landschaft hybriden. 

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Im Castelvecchio empfangen uns Stefania Rocchi Trapani und ihr Bruder Filippo Rocchi. In Stefania Rocchis Gesicht zeigt sich die Erleichterung, dass wir das Weingut „gefunden“ haben, denn eine Beschilderung ist quasi nicht existent – ein Behördenerlaubnisproblem, auf das wir bereits andernorts gestoßen sind. Und der Schäferhund am Eingang hat uns anders als die meisten Kurierfahrer auch nicht schrecken können. Das Weingut ist seit den frühen 1960er Jahren im Besitz der Familie Rocchi, die mittlerweile 22 idyllische Hektar bewirtschaftet – fünf weitere haben sie in den vergangenen Jahr neu bestockt.

Die richtige Säure entscheidet

Filippo Rocchi, der für die Weingärten und den Keller verantwortlich ist, nimmt sich viel Zeit für uns – trotz Wasserschadens im Privathaus und der morgen anstehenden Reise in die USA. Voller Stolz zeigt er uns von der großen Terrasse der alten Villa aus die südwestlich exponierte Seite des Hügels, dessen Hänge die Familie seit nunmehr einem halben Jahrhundert hegt und pflegt. Die Weine von „Castelvecchio“ sind elegante, leicht mineralisch geprägte Weine, die den Sangiovese mit den französischen Rebsorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Petit Verdot vermählen. Auf einen Satz gebracht, formuliert Filippo Rocchi diese Philosophie recht bescheiden: „Für mich ist die richtige Säure im Wein alles“. Deshalb brauche man in Bezug auf den Erntezeitpunkt das richtige Gespür, um keine überreifen „Marmeladenweine“ zu machen.

DSC04300Wir sind beeindruckt vom alten Keller, der noch aus dem 12. Jahrhundert stammt, und dem neuen, in dem uns Filippo Rocchi stolz seinen „Ferrari“ zeigt. Damit meint er seine Abfüllanlage und an diesem kostspieligen Detail wird klar, wie akribisch er auf die Qualität seiner Weine achtet. Biologisch arbeite man bereits seit rund 20 Jahren, doch erst seit kurzem laufe die Zertifizierung. Für den Export, der immerhin gut 50 Prozent der Flaschenproduktion von 100.000 ausmache, sei dies mittlerweile ein wichtiges Marketingargument, ergänzt Rocchi mit einem feinen Lächeln sowie einer deutlichen Geste. Im Salon der Villa setzen wir uns an die Verkostung der Weine.

Castelvecchio – Die Weine
Zum Tagesauftakt kommen hier bereits Weine ins Glas, die uns schwer begeistern. Es ist ein guter Mix aus eher traditionell gemachten Chiantis und recht verrückten IGT-Weinen. Zum Beispiel handelt es sich bei dem 2013er „Numero Otto“ um einen 100%igen Canaiolo. Eine Rebsorte, die wir bisher nur als Verschnittwein kennengelernt haben und die mit einem geradezu parfümierten Aromaeindruck daherkommt. Mitnehmen tun wir aber einen anderen Wein: Der 2009er „Orme in Rosso“ besteht aus 50% Sangiovese, 30% Merlot und 20% Petit Verdot und wirkt dadurch wie ein toskanischer Bordeaux. Besonders gut gefällt mir an dem Wein, dass er bereits wunderschön gereift ist (2009!), aber aufgrund seines Tanningerüsts und einer guten Säurestruktur noch ordentlich Puste aufweist. Mit anderen Worten: Ein klasse Wein, der unbedingt in die Blindprobe wandern muss!

 

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Mitgenommen von der Castelvecchio: 2009 „Orme in Rosso“ IGT

Castelvecchio – Das Video

Vom staatsphilosophischen „Principe“ zum biologischen Prinzip

Wir fahren die Pesa weiter flussaufwärts und schauen misstrauisch auf den hier und da auftauchenden Fluss, der so gar nicht gefährlich wirkt. Nächste Station ist Mercatale di Pesa, wo wir in der Fattoria Ispoli noch einmal auf deutsche Weinmacher in toskanischen Landen treffen. Wie bereits „Le Fonti“ geht auch dieser Besuch auf eine Leserempfehlung für den Weinlakai zurück.

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Marian Mattheis führt das Weingut in zweiter Generation. Sein Vater, erfolgreicher Weinhändler aus Tübingen, erstand das Gut bereits in den 1980er Jahren, und führte es persönlich bis 2012. Nun führt die Familie das Erbe das Erbe von Bernd Mattheis weiter: mit viel Elan und festen Grundsätzen.

„Ispoli“ ist ein geschichtsträchtiger Ort, gehörte das Landgut doch einst der Familie von Niccolò Macchiavelli (1469 – 1527), dessen staatsphilosophischem „Il Principe“ wir den „Macchiavellismus“ als Vokabel für streng machtpolitisches Handeln verdanken. Der Anbau von Wein ist in dieser Gegend seit 1580 belegt. Nicht so alt, aber ebenso bemerkenswert: Mit der Nummer 102 zählt „Ispoli“ zu den Weingütern, die sich bereits Ende der 1980er Jahre den biologischen Anbau zertifizieren ließen. Gemeinsam mit Marian Mattheis führt uns Önologe Cristiano Castagno durch den Keller, zu dem auch die Gewölbe aus der Entstehungszeit der Villa zählen, in denen nun die Holzfässer für die Reife lagern.

Für uns überraschend, dass man in „Ispoli“ auf die Kühlung der Stahltanks verzichtet. Hohe Aufmerksamkeit in den Weingärten inklusive grüner Ernte, also dem Entfernen von Trauben vor der Reife, um die Kraft der Rebe auf die verbleibenden Trauben zu konzentrieren, Ernte und Selektion per Hand, Spontanvergärung, das alles spricht für den ganz behutsamen Stil, den Castagno und Mattheis den Weinen der „Fattoria Ispoli“ mitgeben. Mit sechs Hektar handelt es sich um ein kleines Weingut, und dennoch umfasst das Sortiment fünf Weine. In angenehmer Runde, die mal deutsch, mal englisch und auch ein wenig italienisch plappert, verkosten wir die Weine.

Fattoria Ispoli – Die Weine
Wir beginnen mit dem Einstiegswein mit dem bescheidenen Namen „Ispolaia“, in Anspielung auf die Super-Toskaner „Sassicaia“, „Ornellaia“ & Co. Mir persönlich ist der Wein etwas zu „marmeladig“, kann mir aber gut vorstellen, dass er von vielen Weintrinkern als „easy to drink“ angesehen wird. Es folgt ein reiner Merlot, der mir aber spontan zu „neuholzig“ wirkt. Der danach verkostete 2013er Chianti Classico überzeugt mich dann aber. Es handelt es sich hierbei um eine Seltenheit, denn der Wein besteht zu 100% aus Sangiovese. Der Wein mutet mit seinen ungestümen Tanninen zwar noch blutjung an, doch wird sich der Wein über die nächsten Jahre noch machen – nicht zuletzt da er genügend Säure hat, um den Tanninen Einhalt zu bieten. Ja, der muss mit!

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Mitgenommen von der Fattoria Ispoli: 2013 Chianti Classico DOCG

Fattoria Ispoli – Das Video

Vom Friaul in den Chianti

Das nächste Weingut, das wir ansteuern, führt uns weiter nach Süden, dem Pesa in Richtung Quellgebiet folgend. Radda in Chianti zählt zu den unscheinbaren Schönheiten der Toskana. Das glauben wir einfach mal, denn auf dem Weg zum Weingut „Borgo Salcetino“ meint es das Wetter nicht gut mit uns. Erneut zieht Regen auf und ein Vorhang aus schlierigem Grau nimmt uns den weiten Blick in die Landschaft. Es ist kalt und auf dem Weingut weht ein ordentlicher Wind, als wir mit Alex Rappuoli die Weingärten anschauen. Das Weingut zählt zum Besitz der Familie Livon, die eigentlich im Friaul zuhause ist, aber in den 1990er Jahren sich entschloss, mit dem Kauf weiterer Weingüter auch außerhalb des Friauls auf den sich stark verändernden Weinmarkt zu reagieren.

DSC04356Das gesamte Weingut präsentiert sich wie aus dem Ei gepellt. Zu dieser Jahreszeit nahezu menschenleer wirken die kahle Ordnung der Gebäude und die dahinter sich zeigende Ausstattung des Weinguts besonders eindrücklich. Allein schreiten wir durch die große Kellerei und das imposante Fasslager, bevor wir uns in einen Saal zur Verkostung setzen. Zehn Hektar Rebfläche liegen direkt um die Fattoria, weitere fünf sind für uns außer Sichtweite. Auf knapp 80 Prozent steht Sangiovese, die restliche Fläche wird vor allem von Merlot, aber auch Cabernet Sauvigon und ein etwas Canaiolo eingenommen. Rund 100.000 Flaschen stellt „Borgo Salcetino“ pro Jahr her, der überwiegende Anteil davon geht in den Export.

Unsere Nachfrage nach dem Stellenwert der neuen Klassifizierung „Gran Selezione“ beantwortet Alex Rappuoli ganz pragmatisch mit dem Verweis auf den 2015er Jahrgang, mit dem sie sich erstmals an eine „Gran Selezione“ machten. Denn eigentlich – und das hören wir nicht zum ersten Mal – erfüllten bereits die Riservas die höheren Anforderungen. Zu verkosten ist die erste „Gran Selezione“ selbstverständlich noch nicht, da müssen wir noch gute zwei Jahre warten.

Borgo Salcetino – Die Weine
Bei Borgo Salcetino interessieren uns insbesondere der 13er Chianti Classico (drei Gläser im Gambero Rosso 2016) und der Chianti Classico Riserva aus 2012. Beide Weine sind wunderbar sauber sowie frisch gemacht und befinden sich bereits in einer beeindruckenden, vornehmen Balance. Und nach einer Zeit verstehe ich auch die hohe Auszeichnung für den „normalen“ 2013 Chianti Classico, denn er steht dem Riserva in kaum etwas nach… bis auf den Preis vielleicht. Klar, die längere Zeit im Holz (24 Monate) verleiht dem Wein etwas mehr Struktur und Aromakomplexität, doch so groß ist der Unterschied nicht. Also ist es für uns schnell entschieden, welchen Wein wir mit zurück nach Deutschland nehmen.

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Mitgenommen von Borgo Salcetino: 2013 Chianti Classico DOCG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Borgo Salcetino – Das Video

Auf dem Rückweg zu unserem Basislager bei Lucolena stellen wir behaglich fest, dass unser Hybridmobil bislang den wärmsten Ort des Tages abgibt. Selbst das alte Steinhaus, in dem wir untergekommen sind, wirkte bis heute Morgen eher wie ein Kühlschrank. So wärmen wir uns für den Abend vor dem Kamin in der Küche vor, während das Panorama der Landschaft mit jeder Kurve auf einen neuen Kanal schaltet.

Der Streckenverlauf des heutigen Tages:

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